Am 9. November veranstaltete die Schön-Klinik München-Harlaching das Symposium „Der diabetisch-neuropathische Fuß - Amputationen vermeiden“. Hochkarätige Experten aus Deutschland und der Schweiz und Bernd Franz als Patientenvertreter beleuchteten das ernste Thema an einem einzigen Tag konzentriert von allen Seiten.
Der Tag startete mit 15-minütigen Kurzreferaten, in denen aufgezeigt wurde, wie jede einzelne Fachdisziplin zur Versorgung des diabetischen Fußes beiträgt:
Dr. Arthur Grünerbel, Diabetologe in München und Initiator des <link http: www.fussnetz-bayern.de>Fußnetz Bayern erlebt immer wieder: Es wird, von Hausarzt und Patient, zu selten auf die Füße geschaut. Das ist fatal, denn ein Patient, der an einer Neuropathie leidet, merkt von einer Wunde am Fuß nichts, es tut ihm nicht weh! Oft wird zudem zu selten bzw. zu spät an Spezialeinrichtungen oder Podologen überwiesen.
Um diese Situation zu verbessern, muss die Öffentlichkeit breit sensibilisiert werden, damit Betroffene und Angehörige schon im Vorfeld und spätestens im Ernstfall wissen, welche Fachdisziplinen ihnen helfen können und wohin sie sich wenden müssen. Eine gute Quelle ist hier das Fußnetz Bayern, in dem alle Disziplinen, die bei der Behandlung des diabetischen Fußes beteiligt sind, eng zusammen arbeiten. Der gut informierte Patient kommt früher in die richtigen Hände und hat die besseren Chancen, einer Amputation zu entgehen.
Georg Seeßle, Orthopädischer Schuhmachermeister, zeigte am Beispiel einer Verordnung, wie im Zusammenspiel Orthopädie-Schuhmacher – Patient – verordnender Arzt – Krankenkasse die Versorgung mit Orthopädischen Schuhen abläuft. Kritisch betrachtete er dabei die Vorgaben der Krankenkassen, die nicht immer sinnvoll seien. Hier wünscht er sich mehr Flexibilität, um den Betroffenen mit Schuhen ausstatten zu können, die auch wirklich getragen werden. Unbequeme und unansehnliche Schuhe landen schnell in der Ecke und erfüllen nicht mehr ihren Zweck der Druckentlastung. Dabei sind sie wichtig, um erneute Verletzungen mit langwierigen Behandlungen zu vermeiden.
Stefanie Hanke, Podologin, berichtete aus ihrer täglichen Arbeit. Alle vier bis sechs Wochen kommen ihre Patienten für 30 bis 40 Minuten zu ihr in die Behandlung. Durch die Regelmäßigkeit erkennt sie Veränderungen am Fuß oft schneller als der Arzt und kann rechtzeitig an ihn oder andere Disziplinen weiter vermitteln. Dabei ist ihr die gute Zusammenarbeit mit allen beteiligten Disziplinen sehr wichtig. Gutes Gelingen gibt es bei gegenseitigem Respekt und Akzeptanz der Grenzen der eigenen Bereiche. Durch die Nähe zum Patienten erfährt sie oft viel mehr als der Arzt und kann so oft wertvolle Tipps für den Alltag geben.
Prof. Dr. Sigurd Kessler, Fußchirurg, zeigte verschiedene Möglichkeiten der chirurgischen Intervention. Spezialisten verfügen über viel mehr Möglichkeiten als Allgemein-Chirurgen. So ist es oft möglich, mit dosierten Eingriffen den kompletten Fuß zu erhalten oder nur das Nötigste zu amputieren, wobei sich an die chirurgische Intervention immer eine Versorgung durch den Orthopädie-Schuhmacher anschließen muss, um die Druckentlastung und damit Heilung zu gewährleisten. Vieles ist möglich, wenn man in die richtigen Hände gerät. Dabei ist zur Sicherung des Behandlungserfolgs interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Kommunikation untereinander immens wichtig. Er kritisierte, dass in der „Nationalen Versorgungsleitlinie Typ-2-Diabetes“ Fußchirurgie keine Rolle spielt und die Fußchirurgen bei deren Entstehung nicht mit einbezogen waren.
Bernd Franz, Landesvorsitzender des Diabetikerbund Bayern, dankte zu Beginn seines Kurzvortrages dafür, dass Patienten und Patientenvertreter in diese Veranstaltung mit einbezogen wurden. Er wies auf die Probleme aus Patientensicht hin: Typ-2-Diabetiker sind zu 80 % vom Hausarzt betreut, sehen einen Diabetologen gar nicht. Ein zusätzliches Problem für Diabetiker im ländlichen Raum: Der Weg zum nächsten Diabetologen, zur Podologin und anderen nötigen Fachdisziplinen ist weit, ländliche Regionen sind unterversorgt. Die Pauschale, die ambulante Pflegedienste für die Behandlung eines diabetischen Fußes bekommen, ist nicht kostendeckend. Vielen Patienten, besonders denjenigen, die nicht organisiert sind, fehlt es an Wissen zum diab. Fußsyndrom und den Hilfen, die sie erhalten können, z.B. Podologie. Hier gibt es noch viel zu tun.
Gisela Bräuer, KKH Versorgungszentrum München, stellte Unterstützungsangebote ihrer Krankenkasse für Diabetiker vor. Sie „coachen“ Diabetiker per Telefon durch Fachpersonal, halten Kontakt, bieten Informationen mit dem Ziel, Risiken frühzeitig zu erkennen und den Versicherten schnell in die geeignete Behandlung zu bringen. Dabei fördern sie die vertrauensvolle Arzt- Patient-Beziehung und weisen auch bei allen Interventionen auf die Möglichkeit der Zweitmeinung hin.
An diese Kurzreferate schloss sich eine Podiumsdiskussion an, in der viele Themen nochmals aufgegriffen und durch die Praxisfragen des Publikums, überwiegend Podologen, Orthopädische Schuhmacher und Orthopädietechniker, konkretisiert wurden. Nach einer Mittagspause folgten weitere Kurzreferate.
Zuerst berichtete Dr. Dirk Hochlenert von den Erfahrungen aus zehn Jahren Fußnetz Köln und Umgebung. Es gab in diesen Jahren viele Probleme, Haken und Ösen beim Aufbau des Fußnetzes. Heute sind 75 % der Diabetologen im Vertrag eingeschrieben. Die Erfahrungen aus dem Fußnetz: Der Nutzen für den Patienten ist groß, der Einsatz hat sich gelohnt. Er appellierte an andere Regionen: „Fangen Sie einfach an.“
Dominik Rudolph, Orthopädieschuhtechnik-Meister, erläuterte mit vielen Bildern die Versorgung und das Training mit Prothesen. Wichtig sei auch hier die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Die Stumpfgestaltung spielt eine wichtige Rolle für die spätere Versorgung mit einer Prothese, deshalb möchten Orthopädietechniker gerne schon in die Verbandswechsel mit einbezogen werden.
Dr. Christoph Volkering, Fußchirurg, stellte die Behandlungsmöglichkeiten eines Charcot-Fußes vor. Bei diesen Anzeichen liegt zu 95% ein Charcot-Fuß vor: Schwellung, Überwärmung, Rötung, Neuropathie.
KD Dr. Böni, Orthopäde Uniklinik Balgrist, Zürich, referierte über Infektionen beim diabetisch-neuropathischen Fuß und zeigte Therapiemöglichkeiten und Erfolgsaussichten auf.
Dr. Oliver Maier-Börries, Orthopäde, zeigte an Beispielen die Nachbetreuung nach Amputationen. Ein großes Problem sei, dass die Patienten beim Eintreffen in der Reha-Klinik oft noch nicht rehabilitationsfähig seien – die zu frühe Entlassung war auch schon ein wichtiger Punkt in der Podiumsdiskussion. Hier besteht eine eindeutige Versorgungslücke. Zwischen Akutkrankenhaus und Reha-Klinik muss eine Kurzzeitpflege implementiert werden, bis die Rehabilitationsfähigkeit hergestellt ist und der Patient aus der Reha den bestmöglichen Benefit ziehen kann. Außerdem stellte er das AOK-Pilotprojekt „Zurück ins Leben“, eine zwei-phasige Reha, vor.
Fazit: Eine hochkarätige Veranstaltung, an dem wir viel neues Wissen über das Diabetische Fußsyndrom und die vielen Aspekte der Behandlung lernen konnten. Dies hilft uns, Ratsuchende individuell unterstützen zu können. (Marion Köstlmeier)
- Neu! Broschüre und Schülerbogen "Unbeschwert aufwachsen und erwachsen werden Hilfreiches für alle, die Kinder/Jugendliche mit Diabetes betreuen"
- 30 Jahre Diabetiker-Selbsthilfegruppe Weiden
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