„… mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren da hat man Spaß daran ...“ – das, was Udo Jürgens mit seinem Lied ausgesagt hat, trifft nur zum Teil auf mein jetziges Alter und mein Leben zu.
Mit 14 Jahren bin ich dem Tod um Haares Breite entkommen. Bei einem Hausarztbesuch wurde bei mir ein hoher Urin- und Blutzucker festgestellt und für den nächsten Tag eine dringende Krankenhausaufnahme angeordnet. Ich wurde von meinem Vater und Bruder ins Krankenhaus begleitet – am Haupteingang verlor ich das Bewusstsein. Nach 24 Stunden wachte ich wieder auf mit laufenden Infusionen. Eine Krankenschwester injizierte mir mehrmals täglich Insulin in den Oberschenkel. Innerhalb von 60 Stunden wurden mir 16 Liter Infusionslösung verabreicht, um den ursprünglichen Blutzucker von 1055 mg/dl wieder auf Normalwert abzusenken.
Einige Recherchen machten klar, dass ich der erste Mensch in diesem Krankenhaus war, der diesen Blutzuckerwert überleben konnte – das war mein zweiter Geburtstag, aber jetzt mit dem lebenslangen Handicap des juvenilen Diabetes mellitus Typ 1 mit im Gepäck.
Dabei verspürte ich zwei Wochen zuvor nur unstillbaren Durst. Ich trank bis zu 6 Liter Flüssigkeit pro Tag, ohne dass ich das Durstgefühl stillen konnte. Hinzu kam starke Müdigkeit und in der zweiten Woche auch Appetitlosigkeit. Ich schleppte mich morgens in die Schule, mittags wieder heim, und dann gleich zum Schlafen ins Bett. Vielleicht noch Hausaufgaben gemacht und ständig getrunken, dann wieder geschlafen. In der Schule erkundigte sich ein Schulfreund nach meinem Befinden und meinte, dass ich aussehe wie eine Leiche. Erst jetzt erkannte ich im Spiegel, dass ich grau-blass war und mein Gesicht und Augen tief eingefallen waren. Ich hatte in kürzester Zeit von 60 kg auf 45 kg Körpergewicht bei 170 cm Körpergröße abgenommen. Am Abend des 2. Februar 1974 wurde ich zum Hausarzt gebracht. Das war mein Diaversary = der Tag meiner Diabetes-Diagnose.
Zurück zum Krankenhaus-Aufenthalt: Mir wurde klar gemacht, dass ich mir regelmäßig Insulin spritzen müsste, da es lebensnotwendig sei. Auch war ich einer der ersten Patienten, die keine Glasspritzen, sondern schon Einmalspritzen benutzen durften. Die Spritze und die 12er Kanüle (0,7 x 30 mm) wurden so lange benutzt, bis sie nicht mehr zu gebrauchen waren. 4 mal täglich kam die Laborschwester und stach mich mit ihren Hämostiletten in die Ohrläppchen, und quetschte die nötige Blutmenge für die mitgebrachten Blut-Pipetten aus.
Ich wurde mit einer morgendlichen Insulin-Injektion von 28 IE Depot CR von Hoechst und 2 x 1 Tbl Silubin® retard für die Remissionsphase nach 7 Wochen entlassen. Man gab mir mit auf den Weg, mich regelmäßig zu bewegen, um den Blutzuckerverlauf zu verbessern. Diesen Ratschlag versuchte ich bestmöglich in mein Leben einzubauen und wurde dafür belohnt.
Eine Art von Diabetes-Schulungen oder ähnliches gab es wohl nicht, oder wurde mir nicht angeboten.
Nach 7 Wochen beherrschten mich
- die Angst, meine stark schwankenden BZ-Werte im Griff zu kriegen
- die Angst, wie ich das mit der Schule schaffen sollte
- die Befürchtung, dass ich durch meine auferlegten Verbote und Ernährungsvorschriften nichts mehr mit meinen Schulkameraden unternehmen könnte
- die Befürchtung, mich am elterlichen Hof mit 7 Geschwistern nicht vollwertig und integriert zu fühlen
Umgehend hatte mein Hausarzt mich dann 3 x pro Woche zum Blutzuckertagesprofil in die Praxis bestellt. Die Werte waren eindeutig zu hoch. Die telefonisch durchgegebenen hohen Morgen- und Mittagswerte veranlassten mich, bis abends Kohlenhydrate zu reduzieren, um beim Arzt bessere Werte „abzuliefern“. Wobei die richtige Therapie hätte sein müssen, zusätzlich eine abendliche Insulingabe zu beginnen. Diese Therapie-Änderung setzte ich einige Jahre später selbst um.
Diese Ohnmacht als Typ-1-Diabetiker veranlasste mich, die Krankenpflegeausbildung zu machen.
Auch nach 4 Diabetesjahren hatte ich keine Möglichkeit, meine Blutzuckerwerte (BZ-Werte) zu messen. In dieser Zeit konnte ich meinen Hausarzt dazu bringen, mir wenigstens Urin-Teststreifen zu verschreiben. Bald darauf erhielt ich auch Dextrostix® Blutzuckerteststreifen mit Reagenzfeld: Hier musste ein Tropfen Blut aufgetragen werden, nach einer Minute musste dieser abgewischt werden – nach einer weiteren Minute konnte die entstandene Färbung mit den Farben der Tabelle auf der Verpackung verglichen werden. Somit erkannte ich wenigstens halbquantitativ meine Blutzuckerwerte. Wenig später bekam ich auch ein eigenes Blutzuckermessgerät. In dieser Phase hatte ich einen HbA1c-Wert von 8,9 %. Von da an priorisierte ich regelmäßig Sport zu treiben.
Diabetes-Fortbildung & neue Aufgaben
Mitte der 80er Jahre arbeitete ich auf der Inneren Abteilung und besuchte eine mehrtägige Fortbildung über Diabetes mellitus. Ich wurde Ansprechpartner in Sachen Spritztechnik und Blutzuckermanagement und durfte Patienten schulen und Personal diesbezüglich weiterbilden. Auch meine BZ-Einstellung erfuhr deutliche Fortschritte und bessere HbA1c-Werte durch dieses Wissen.
Alle Pharma-Referenten Fachrichtung Diabetes stellten auch mir all ihre Produkte vor. 1985 kam der erste Insulin-Pen, der NovoPen von NovoNordisk, auf den Markt. Es war eine Sensation, nicht mehr mit Einmalspritzen und Stechampullen hantieren zu müssen. Auch wurden jetzt gut verträgliche Human-Insuline von allen Anbietern entwickelt, die bis 2026 auf dem Markt Bestand hatten.
Auch gab es einen Boom von Hilfsmitteln für Menschen mit Diabetes: Jeder Insulinhersteller hatte mehrere verschiedene Insulin-Pens in allen Farben und Formen.
Ich bekam alle neuen Insuline, Insulin-Pens und Blutzucker-Messgeräte zur Verfügung gestellt, auch um sie zu „testen“. Ab 1990 durfte ich für 21 Jahre die Diabetiker-Selbsthilfegruppe in Lindenberg im Allgäu leiten.
Mitte der 90er Jahre kam das erste Analog-Insulin Humalog® auf den Markt. Das erste Insulin ohne Spritz-Ess-Abstand und einer Wirkungsdauer von 1 - 2 Stunden.
Startschuss für Sport-Karriere
Das war meines Erachtens ein Durchbruch in der Insulin-Behandlung. Es verbesserte die BZ-Einstellung, indem man den Tag viel flexibler gestalten konnte – in Bezug auf Essen, spritzen und Freizeitgestaltung.
Bis heute wende ich die Intensivierte konventionelle Insulin-Therapie (ICT) an, um gute Langzeit-Zuckerwerte zu erzielen und im Alltag gut zurecht zu kommen.
Für mich war dies auch der Startschuss, ausgeprägt Sport treiben zu können. Endlich war ich von Zweifel und Zurückhaltung befreit und konnte viele Berg- und Radtouren machen, und sogar 4000er und 6000er Berge besteigen. Ich schnappte viele Impulse auf, um wieder richtig leben zu können. 25 Jahre meines jungen Lebens waren von Einschränkungen und Verzicht geprägt - und von da an sollte das wieder normal werden. Im Jahr 2000 begann ich 14 Jahre lang Leistungssport zu treiben und konnte an nationalen und internationalen Wettkämpfen im Wintertriathlon beachtliche Erfolge erzielen.
Seit 2014 ist das erste CGM-System mit dem FreeStyle® Libre auf dem Markt - eine große Hilfe und vermehrte Sicherheit vor Hypo- und Hyperglykämien sowie für eine bessere Verlaufskontrolle.
2024 wechselte ich zum Dexcom® G7, um mit der zukünftigen Insulinpumpe kompatibel zu sein. Nach 12 Test-Wochen gab ich die Pumpe wieder zurück. Sie hatte nur einen Vorteil und viele Nachteile für mich und meine Lebensweise. Die Hersteller-Firma hat nie nachgefragt, welche Schwachpunkte ich zu bemängeln hatte.
Auch mit dem zuletzt getragenen CGM-System bin ich nicht zufrieden. Sie werden als elektronische Hightech-Geräte in Massen teuer verkauft, aber dennoch erreichten nur etwa 20 % meine benutzten Sensoren die garantierte Betriebsdauer von 10, bzw. 14 Tagen. Über die Hälfte aller bisher benutzten CGM-Sensoren musste ich zeitaufwendig reklamieren, um vielleicht wieder Ersatz zu bekommen.
Fazit: auch nach einer aussichtslosen Diabetes-Diagnose 1974 und einem 10-jährigen „Blindflug“ der Blutzuckerwerte konnte ich durch meine Berufswahl und meinem Willen der Selbsthilfe doch noch zu einem guten Diabetes-Management finden.
Ich kann jetzt sicher sagen: Mit 66 Jahren da hat man Spaß daran ... Diese Freude will ich auch gerne mit dem Bergbericht Anfang September mit euch teilen.
Euer Karl-Heinz Rasch


