Berichte

Vorfahrt für Selbsthilfe! Was bedeutet unabhängige Selbsthilfe für Diabetiker?

In Selbsthilfegruppen unterstützen sich Betroffene und Angehörige gegenseitig in der Bewältigung ihres Diabetes. Erfahrene Gruppenmitglieder verfügen oft über enormes Fachwissen, das sie sich im Laufe der Zeit aus eigener Alltagsbewältigung, Motivation und Erfahrungen aus der Gruppe angeeignet haben. Darüber hinaus engagieren sich lokale Selbsthilfegruppen in der Aufklärung der Bevölkerung über Diabetes und für eine gute Versorgungsqualität in der Region. Diese Arbeit wird intensiviert durch den Zusammenschluss im Diabetikerbund Bayern, der wiederum Mitglied des Deutschen Diabetiker Bund ist, um so auf allen Ebenen von Entscheidungsträgern in Politik, Verwaltung, Gremien, Krankenkassen, Ärzteorganisationen usw. die Interessen und Bedürfnisse von Betroffenen mit Gewicht zu vertreten.

Selbsthilfe ist wertvolle Ergänzung zur professionellen Betreuung durch Ärzte/Diabetologen und Diabetesberater/Diabetesassistenten, die aus zeitlichen und wirtschaftlichen Gründen oft nicht so viel Zeit in der Lösung von individuellen Problemen oder sozialen Schwierigkeiten aufbringen können. Professionelle Betreuungseinrichtungen sind in Strukturen gefangen, deren Druck sie sich beugen müssen, obwohl sie vielleicht oft gerne anders handeln wollen. Auch hier ist wieder die Betroffenenkompetenz und das Engagement der Selbsthilfe auf übergeordneter Ebene gefragt, um darzustellen, was Patienten wirklich brauchen, und dadurch die Versorgung zu verbessern und flächendeckend herzustellen.

Deshalb muss oder sollte auch keine Konkurrenz zwischen Selbsthilfe und professioneller Betreuung bestehen, wünschenswert wäre ein wirkliches Miteinander auf Augenhöhe, in dem die jeweiligen Stärken respektiert und geachtet werden. Dabei muss Selbsthilfe unabhängig bleiben von Beeinflussungen durch wirtschaftliche Interessen - es gibt nicht das beste Insulin, das beste Blutzuckermessgerät, die einzig wahre Tablette usw. - Selbsthilfe kämpft um den Erhalt der Vielfalt, damit jedem Patienten die Therapien und Möglichkeiten offen stehen, die am Besten zu ihm passen.

Hier ist schon erkennbar, dass die Interessenlagen von professionellen Betreuern, Industrie und Laiengruppen sehr unterschiedlich sind: Ärzte/Apotheken/Pharma- und Hilfsmittelindustrie verdienen Geld mit Ihrem Tun, in der Selbsthilfe geht es um das Wohl jedes einzelnen Individuums, nicht um Geld.

Selbsthilfe arbeitet ehrenamtlich. Ausgaben werden finanziert über Mitgliedsbeiträge, Spenden  und verschiedene kommunale und staatliche Fördermöglichkeiten und den Förderungen nach SGB V durch die Krankenkassen. Bei allen Förderungen sind Bedingungen zu erfüllen und es ist eine Menge bürokratischer Aufwand nötig - dabei ist nie sicher, ob die beantragten Gelder in voller Höhe bewilligt werden und wann ausgezahlt wird. Oft müssen Verbände und Selbsthilfegruppenleiter Monate in Vorleistung treten ohne zu wissen, ob das Geld tatsächlich zur Verfügung steht. Selbsthilfe wird von der Politik zunehmend anerkannt, sie erbringt Leistungen ehrenamtlich zum Nulltarif, die professionell aus Kostengründen nicht möglich sind. Die Stärken von Selbsthilfeverbänden sind gut ausgebaute Strukturen, die ihre Wirkung aber mit einer besseren und sicheren finanziellen Ausstattung noch voller entfalten könnten. Auch benötigt Selbsthilfe manchmal professionelle Unterstützung und Schulung, um z.B. Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit oder Förderung voll ausschöpfen zu können. Zur Lösung solcher Probleme engagieren sich Selbsthilfeverbände aus verschiedenen Bereichen gemeinsam.

Die Selbsthilfebewegung ist entstanden, weil sich Patienten nicht richtig informiert, verstanden und versorgt gefühlt haben. Sie schlossen sich zusammen, um neue Informationsquellen zu erschließen, Experten in eigener Sache zu werden und für eigene Interessen zu kämpfen. Jetzt, wo wieder viele Einschnitte im Gesundheitswesen drohen, sind Patienten wiederum aufgerufen, für sich selbst einzustehen. Es ist zu hoffen, dass Selbsthilfe aus diesem Grunde noch viel stärker wird!

Selbsthilfe kann und darf stolz auf ihre Betroffenenkompetenz sein! Diabetiker sind eine Macht, gerade im Diabetesbereich, aber diese Chance müssen Patienten erst noch begreifen und sich dann in viel größerer Zahl zusammenschließen - dann können sie gemeinsam ganz sicher noch viel mehr für sich erreichen! (mk)