Berichte

Wenn der Diabetes zur lästigen Routine wird: Zwei durch und durch hilfreiche Abende mit Herrn Dr. Herrmann

Herr Dr. Rudolf Herrmann gestaltete zwei Abende unter Einbeziehung der Zuhörer(innen) - einmal in der <link>Typ 1-SHG Nürnberg und einmal in der <link>Typ 1-SHG Schwabach.


Er ist gewiss etlichen Mitgliedern bekannt, war er doch bis zu seiner Pensionierung als Diabetologe/Internist Oberarzt an der Klinik Saale, Reha-Einrichtung des Rentenversicherers Bund und dort z.B. auch Workshopleiter beim jährlichen Bad Kissinger Insulinpumpentreffen gewesen. Mir selbst begegnete er erstmals, als ich dort als Besucher an einer dieser interaktiven Arbeitsgruppen teilnahm.


Natürlich war seine Art und sein Umgang mit den Betroffenen auf Augenhöhe zu verkehren, hochbegeisternd und mitreißend bei derlei Zusammenkünften. Noch mehr euphorisch wurde ich aber, als er anbot, künftig im „Unruhestand“ auch in Selbsthilfegruppen zu kommen und hier den Menschen mit Diabetes mit seinem Lebensfundus Mut zu machen.


So setzte ich mich mit Frau Diener, Leiterin der Typ 1-Diabetiker-Selbsthilfegruppe Nürnberg, in Verbindung, um zu erreichen, dass wir Herrn Dr. Herrmann zu uns einluden, damit er an zwei aufeinanderfolgenden Abenden sowohl in Nürnberg als auch in der von mir geleiteten Typ 1-Gruppe in Schwabach referieren konnte.


Motivation auf Augenhöhe


Da Herr Dr. Rudolf Herrmann, neben all seiner fachlichen Kompetenz, ein hervorragender Motivator für Betroffene ist, hatten wir schnell ein Thema gefunden, unter das wir die Veranstaltung stellen wollten: „Wenn der Diabetes zur lästigen Routine wird.“


Eingedenk des Umstandes, diese Erkrankung als ungebetenen Gast nicht mehr heimschicken zu können, sondern ihm Wohnstatt bis zur eigenen Endlichkeit gewähren zu müssen, und angesichts der irgendwann bei jedem von uns einsetzenden Müdigkeit, dafür Zeit aufwenden zu (s)wollen, ließ das Thema einiges an Spannung und ansatzwerten Überlegungen erwarten.
Zunächst thematisierte Herr Dr. Herrmann den Begriff Routine, der sowohl vorteilhaft, als auch mangelbehaftet ausgelegt werden kann. Im ersten Ansatz wurden positive Thesen herausgearbeitet:

  • Erfolgreiche Menschen haben einfach nur bessere Gewohnheiten als andere;
  • Gewohnheit ist der Schlüssel zum Erfolg;
  • Der gewohnte Weg ist der einfachste und schnellste Weg.


Eine Reihe von sich wiederholenden Ereignissen finden sich bei den meisten Diabetikern: Blutzuckermessungen, Insulininjektionen (-drücken), Unterzuckerungen. Auch wenn es viele Diabetiker gibt, so ist doch jeder für sich mit „eigenem“ Diabetes ausgestattet. Es hilft besser damit klarzukommen, wenn wir selbst die persönlichen Besonderheiten herausfinden wie z.B. die Wirkdauer des/r Insulins(e), Abhängigkeit des Insulinbedarfs in verschiedenen Situationen zu unterschiedlichen Tageszeiten bei verschiedenen Lebensmitteln und Tätigkeiten, den günstigen Spritz-/Drückzeitpunkt, den Einfluss körperlicher Aktivitäten, die Wirkung von Stress, gefährliche Unterzuckerungsumstände.


Jeder Diabetes bedarf der intensiven Zuwendung, d.h. so viel wie nötig, so wenig wie möglich! Hier helfen Gewohnheiten/Routinen in Verbindung mit einer gewissen Bescheidenheit weiter. Denn trotz großer Bemühungen wird nicht alles klappen und es bestehen Grenzen der Machbarkeit. (Es gibt in der Tat etwas Gesünderes als diabetesbetroffen zu sein!)


So verhelfen Routinen zu Selbstverständlichkeit und schonen Energien. Sie sind Sparprogramme des Gehirns, erleichtern komplexes Handeln, geben häufig Sicherheit, verringern Zeitaufwand und sind somit unerlässlich. Jede(r) Diabetiker(in) hat Routinen ins eigene Leben eingebaut, wie BZ-Messung vor dem Essen, Standard-Insulinierungen, kritische Vergleiche der BZ-Verläufe bei Nahrungsaufnahme... Sinnvoll ist auch fragenorientiertes Dokumentieren: Warum ist das hier passiert? Ein fester Turnus für die eigene „Diabetesnabelschau“ kann zur Gewohnheit werden. Derlei Routinen entpuppen sich hier als wohltuende Unterstützung im Alltag und sind Kraftquellen für ein dem Diabetes angemessenes Verhalten.


Die zweite, gefährliche Seite der Routine ist allerdings ebenso präsent: Gewohnheiten können zu unzweckmäßigem Verhalten verleiten und zu Oberflächlichkeit führen. Denn diese gehen einher mit regelmäßiger Kritik- und Gedankenlosigkeit, sie geschehen monoton und haben kein Lernpotential. So schleichen sich Fehler unerkannt ein. Bei notwendigen Veränderungen der Therapie oder des Verhaltens sind Routinen eher hinderlich. Das Einüben von neuen Routinen wird als lästig empfunden, auch wenn, oder gerade weil dies beim Umgang mit dem Diabetes eine ständige Herausforderung darstellt. Aber seien wir ehrlich: wer möchte jeden Morgen aufstehen und sagen: „So lieber Diabetes, ich freue mich auf die Herausforderungen, die Du mir heute abverlangst.“


So bleibt es nicht aus, dass irgendwann jeder davon Betroffene, den Diabetes als Last im Alltag empfindet und selbst der Routinen leid ist. Denn der Diabetes erfordert Tag für Tag zusätzliche Anstrengungen und gewährt dabei keine Auszeit oder Urlaub. Und unsere Erwartungen können immer wieder enttäuscht werden. Das hat unangenehme Gefühle wie Unsicherheit und Angst zur Folge, die den Diabetes zu einem lästigen Begleiter machen können. Der Realitätssinn sagt wohl: das Leben ist zwar bei niemandem ein „Zuckerschlecken“, aber mit einer zweckmäßigen Routine lässt sich Belastendes oft leichter ertragen.


Bewährt hat sich im Alltag, ohne das Rad jeden Tag neu erfinden zu müssen:

  • tageszeitabhängige Insulindosierung
  • Bewertung und spontane Hinterfragung von Blutzuckerwerten
  • selbstkritische Analyse der eigenen Aufzeichnungen; nicht alles, sondern fragenorientiert dann, wenn etwas unerklärlich erscheint
  • wobei
  • Es hat sich bewährt, nicht alles aufzuzeichnen, sondern fragenorientiert dann, wenn zunächst etwas unerklärlich erscheint
  • eigene Erfahrungen nutzen, wenn sie in irgendeiner Weise gesammelt sind


Natürlich lohnt es sich, eigene Gewohnheiten zu überdenken und für Abweichungen Gesetzmäßigkeiten ausfindig zu machen; hierbei ist die Dokumentierung von Ausnahmesituationen/Ausreißern hilfreich (Unterzuckerungstagebuch, Bewegungstagebuch, Ernährungsgewohnheiten bewusst wahrnehmen, häufig wiederkehrende Ereignisse gezielt unter die Lupe nehmen).


Da der Mensch ein Spieler ist, bietet sich eine Spielwiese an, die zum Ausprobieren einlädt. Weniger ist hier oft mehr; man verzettelt sich beim Versuch zu viel auf einmal zu verändern. Bildhafte Erinnerung verdeutlicht und dient der Einübung als Unterstützung ebenso, wie positive Verstärker zu (be)nutzen. Einen persönlichen Erinnerungspool anzulegen, schafft die bequeme Wiederholbarkeit dessen, was erlebt wurde. Da nicht alles klappen wird, wie man sich das vorstellt, empfiehlt sich auch Rückschläge einzukalkulieren und neu zu starten.


Gewohnheiten, die einem zum Vorteil gereichen, gilt es zu entdecken und für sich selbst als Stützpfeiler einzusetzen. Wer vorhandenes Wissen in routinemäßiges Tun umsetzen kann, nutzt eigene Erfahrung kräfteschonend und optimal. Und man darf üben, üben, üben den eigenen Defekt mit Achtsamkeit gelassen anzugehen und sich selbst gegenüber auch barmherzig zu sein.


Zur Reflexion gab Herr Dr. Herrmann noch einige Fragen mit nachhause. Was ist mir wichtig? Was mach ich bereits gut? Worauf will ich in Zukunft genauer achten? Was konkret will ich in meinem Alltag verändern?


Was mir immer wieder gut tut, ist die Empathie, die Herr Dr. Herrmann ausstrahlt, wenn es um Menschen mit Diabetes geht; er hat so gar nichts Besserwisserisches oder Belehrendes an sich und stellt die Eigenverantwortung in den Mittelpunkt. Er sagt, es gäbe drei Dinge die für uns wichtig seien:


Folgeschäden vermeiden - Unterzuckerungen selten eintreten lassen - Hohe Lebensqualität


Da dieses magische Dreieck nicht immer gleichzeitig bedient werden kann, darf jeder gerade den einen oder anderen Aspekt in den augenblicklichen Mittelpunkt stellen.


Beide Veranstaltungen waren, da das Auditorium einbezogen worden war, höchst interessant, anregend und hilfreich bei der Aufgabe, sich Motivation zu holen im Umgang mit dem eigenen Diabetes. Mit dem Wunsch, dass wir gut auf uns aufpassen mögen, endete Herr Dr. Herrmann.


Wertvoller Lesetipp:

Wer noch weitere unkonventionelle An-/Aufsätze zum Thema Diabetes kennen lernen möchte, an denen Herr Dr. Herrmann federführend beteiligt ist, der sei auf diesen <link http: www.rzbk.de index.php saale-patienteninformation.html>Link der Rehaklinik des Rentenversicheres verwiesen.
Sie finden hier u. a. auch das 248-seitige Buch zur Insulinpumpentherapie, das ungekürzt abgerufen werden kann. (Klaus Walter, Leiter der SHG Schwabach  Typ 1 und Beisitzer im Landesvorstand))