Haben Sie <link http: www.diabetikerbund-bayern.de neuigkeiten article diabetes-und-schule-2016-9-jaehrige-wochenlang-ohne-beschulung>das gelesen? Unfassbar, oder? Und das im Jahr 2016, wo Inklusion in aller Munde ist! Anscheinend verstehen manche darunter nur die baulichen Veränderungen, nicht das Umdenken in den Köpfen!
Da kann ein Kind nicht in die Schule gehen, weil die Lehrkraft nicht bereit ist, es ein klein wenig zu unterstützen!? Anscheinend geht, was ich für unmöglich gehalten habe: Wenn Eltern es wagen, das Kind ein paar Stunden früher aus der Schule zu nehmen, weil der Flieger billiger ist, droht ihnen ein Bußgeld. Wo bleibt hier die Pflicht der Schule, des Schulamtes, des Staates, gemeinsam und kurzfristig eine wohnortnahe,tragbare, dauerhafte Lösung für das schulpflichtige Kind zu finden? Wie kann man nur so herzlos handeln? Hier ist wohl einigen zwischen zu viel Papier die Menschlichkeit abhanden gekommen!?
Auch ich hatte vor vielen Jahren immer großen Bammel, wenn es um Einschulung oder Lehrerwechsel ging – würde meine Tochter das bisschen mehr an Aufmerksamkeit erhalten? Wie weit gehe ich mit meiner Aufklärung zu Diabetes, was müssen die Lehrer wissen und was macht nur Angst? Damals trugen die Kinder noch keine Pumpen, die Kurzzeitanalog-Insuline waren in diesem Alter noch selten, daher waren das Pausenbrot mit dem Morgen-Insulin abgedeckt. Heißt: Wichtig war, dass die Brotzeit gegessen wurde, sonst drohte die Hypo! Kinder maßen ihren Blutzucker – „Korrektur“ in der Schule wurde mit Essensmenge geregelt – ganze Brotzeit oder nur die Hälfte, bzw. evtl. noch Trauben, Saft etc. dazu. Auch hier haben die Kids die Lehrer mal zum Draufschauen gebraucht! Heute tragen viele Kinder ein CGM- oder FGM-System, der Zuckerwert ist damit ständig und verletzungsfrei verfügbar, inkl. Grafik und Tendenz - mehr Information und Sicherheit vor Hypos. Viele Kinder tragen eine Insulinpumpe, Insulin wird zu jeder Mahlzeit berechnet und abgegeben – aber mit Übung und Vorbereitung durch die Eltern und ein klein wenig Unterstützung der Lehrkraft klappt das oft sehr gut.
Natürlich gleicht es einem Sechser im Lotto, wenn man als Eltern auf eine Schule mit (positiven) Diabetes-Erfahrungen trifft, sei es, weil eine Lehrkraft oder deren Kind selbst betroffen ist, oder ein Vorgänger-Diabeteskind den Weg geebnet hat. In der Regel treffen Eltern auf Lehrer, denen Diabetes zum ersten Mal begegnet. Wie wir Eltern bei Diagnosestellung sind sie zunächst sehr verunsichert.
Unsere Diabetes-Kinder gehören in die ganz normale Grundschule – zusammen mit ihren Freunden aus der Kindertagesstätte. Sie brauchen keine spezielle Inklusionsschule und sie brauchen aufgrund des Diabetes schon gar keine Förderschule. Damit Schule aber gelingen kann, brauchen wir gegenseitiges Verständnis füreinander - die Eltern für die Lehrer und umgekehrt.
Die Lehrer haben viele Schüler und darunter ist meist nicht nur unser Kind, welches eine Besonderheit mitbringt. Zusätzlich wälzen viele Eltern aus Unfähigkeit oder Bequemlichkeit viel Erziehungsarbeit auf die Lehrer ab – dabei ist ihre eigentliche Aufgabe ja, unsere Kinder viel zu lehren.
Wir Eltern haben die Stoffwechseleinstellung 24 Stunden und 365 Tage im Blick, machen uns Sorgen um die Zukunft. Aber das ist unser Part - und sobald unser Kind in Fremdbetreuung ist, müssen wir 1. abgeben und 2. auch damit leben, dass unser Kind jetzt nicht so perfekt betreut wie zuhause ist.
Wenn Lehrer und Eltern eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten, die Lehrer das benötigte Knowhow vermittelt bekommen und wissen, dass Sie als Eltern bei Fragen und Problemen immer ansprechbar sind, wird Schule gelingen das zeigen viele positive Beispiele.
Gerade Grundschulkinder lernen schnell, wollen viel selbst tun – und sie wollen alles richtig machen. Voraussetzung ist natürlich, dass im Vorfeld einiges geübt wurde. Dann gilt: Vertrauen Sie Ihrem Kind, selbst wenn es Fehler macht! So viel kann nicht passieren. Mal Hand aufs Herz: Wenn Sie den Diabetes managen: Gelingt es Ihnen immer, das angepeilte Ziel zu erreichen? Meine eigene Erfahrung sagt: Nein.
Was kann überhaupt schief laufen? Zuviel oder zu wenig Insulin, zu viel oder zu wenig gegessen: So hoch, dass es gefährlich wird, steigt der Blutzucker ohne deutliche Symptome nicht - da bleibt genug Zeit, die Eltern zu rufen. Also: Insulingabe vergessen oder zu wenig Insulin wird zuhause oder nach telefonischer Rücksprache korrigiert. Zu viel Insulin gespritzt bzw. zu wenig gegessen und deshalb Hypo: Schnellwirksame Kohlenhydrate zuführen und sollte wirklich der seltene Fall einer schweren Hypo eintreten: evtl. ist jemand in den Umgang mit der Notfallspritze eingewiesen oder es muss mit der 112 ein Notarzt geholt werden. Wenn irgendetwas unklar ist - immer Eltern anrufen.
Viele Lehrer sind bereit zu helfen. Aber ich verstehe auch, dass manche immer noch Angst vor haftungsrechtlichen Folgen haben, denn leider hat der Staat hier nicht die komplette Last von ihren Schultern genommen. Hier wünsche ich mir endlich eine Lösung, die volle Inklusion für unsere Kinder, aber auch die nötige Unterstützung und den Rückhalt für die Lehrer, beinhaltet. Erst dann muss niemand mehr im Zusammenhang mit Diabetes „Bammel“ vor der Schule haben!
Ihre Marion Köstlmeier

