Berichte

„Mit dem Messer gegen das Bauchfett?“

Dies war das Hauptthema des 13. Bad Kissinger Diabetikertages am 26. September 2009!

 Die Turnhalle der Deegenbergklinik war mit 220 Besuchern voll besetzt, als Dr. med. Gerhard W. Schmeisl, Vorsitzender Diabetes Forum Bad Kissingen e.V. und leitender Arzt der Deegenbergklinik, Teilnehmer und Aussteller begrüßte. Es folgten Grußworte der Stadt, der AOK und vom Diabetikerbund Bayern e.V..

Die Vorträge begannen mit einem Referat von Prof. Dr. Deeg, ärztlicher Direktor der Deegenbergklinik, über Herzrhythmusstörungen, insbesondere dem Vorhofflimmern bei Diabetikern. Das Vorhofflimmern zählt mit mehr als 1 Million Betroffener zu den häufigsten Rhythmusstörungen in Deutschland. Prof. Deeg erklärte, wie durch „Blutverdünner“ die Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls oder einer Embolie in Armen und Beinen drastisch reduziert werden kann. Andere Medikamente senken die Herzfrequenz.

Danach folgte der eigentliche Hauptvortrag des diesjährigen Diabetikertages durch Oberarzt Dr. Jurowich vom Adipositaszentrum der Chirurgischen Universitätsklinik Würzburg, der gemeinsam mit Carolin Lager, Dipl. Psychologin, das Thema „Mit dem Messer dem Fett zu Leibe rücken - moderne Adipositaschirurgie“ bearbeitete. Das krankhafte Übergewicht gilt als chronische, lebenslange, multifaktorielle und teilweise genetisch terminierte Erkrankung, die trotz Operation lebenslänglich weiter behandelt werden muss. Das Sterblichkeitsrisiko durch Adipositas steigt auf das 6-12 fache, wobei die Verminderung der Lebenserwartung für übergewichtige Männer im Schnitt 12 Jahre, für übergewichtige Frauen 9 Jahre beträgt. Sind junge Menschen betroffen, verkürzt sich die Lebenserwartung statistisch sogar um bis zu 20 Jahre. Dr. Jurowich stellte verschiedene Operationsverfahren vor. Je nach Operationstechnik wird bis zu 60% des Übergewichts innerhalb des ersten Jahres nach Operation verloren. Interessanterweise ist bisher noch nicht geklärt, warum durch manche Operationstechniken ein vorhandener Typ 2 Diabetes mehr oder weniger geheilt wird. Die Erfolgsrate liegt nach Ergebnissen von Dr. Jurowich bei 45%, wobei die Komplikationsrate bis zu 30% betragen kann. Gefährdet sind besonders Patienten mit einem sehr hohen Operationsrisiko durch einen Body Mass Index (BMI) über 60. Im zweiten Teil des Vortrags ging Frau Lager auf psychologische Probleme der Patienten ein. 40-50% leiden an einer psychiatrischen Erkrankung, vor allem an Essstörungen, Ess-Verhaltensstörungen, Depressionen, aber auch Angststörungen. Nach dem Würzburger Modell wird der Patient immer erst vom Chirurgen gesehen, danach dem Internisten zur Untersuchung überwiesen und vom Psychologen mitbegutachtet. Auch nach der Operation wird er von diesem Team weiterbetreut. Die psychologische Nachbetreuung ist, so das Ergebnis einer Würzburger Studie, absolut notwendig.

Nach einer Pause mit Gelegenheit, Blutzucker, Bauchumfang, Blutdruck und  Fußdruck messen zu lassen, ging es weiter mit dem Thema „Diabetisches Fußsyndrom“, wobei Dr. Schmeisl darstellte, dass gegenwärtig trotz Verbesserungen der Patientenbetreuung durch z.B. Fußnetze in Deutschland etwa 65.000 Menschen pro Jahr amputiert würden, wovon 70% Diabetiker (ca. 40.000) seien. Der Amputation eines Beines folgt in etwa der Hälfte der Fälle innerhalb weniger Jahre die Amputation des zweiten Beines. Infektionen vermeintlich harmloser Wunden sind oft die Ursache. Durch Prophylaxe, tägliche Fußinspektion, gute Fußpflege und ggf. der rechtzeitigen Überweisung zu einem Podologen könnte ein Großteil der Amputationen vermieden werden. Eine enge Kooperation zwischen Akut-Kliniken, niedergelassenen Ärzten und Diabetologen ist hier dringend erforderlich.

Im abschließenden Vortrag über Ernährung ging die Diabetesberaterin Frau Ippach (Vertretung von Frau Rossberg) der Frage nach: „Was ist letztendlich für einen Diabetiker geeignet - ein Steak oder eine Torte? Gibt es eine Diabetes-Diät?“ In ihrem sehr interessanten Vortrag zeigte sie, dass es eine „Diabetes-Diät“ im klassischen Sinn nicht mehr gibt. Heutiger Standard ist eine ausgewogene „mediterrane Ernährung“. Die insbesondere in den USA propagierte Low-Carb-Diät mit extrem wenig Kohlenhydraten und sehr viel Fett und Eiweiß sind insbesondere im Bezug auf Nierenschäden eine Katastrophe für Diabetiker - die Nieren können durch eiweiß- und phosphatreiche Ernährung schwer belastet und geschädigt werden. Außerdem sind fett- und eiweißreiche Diäten auf Dauer nicht durchzuhalten.

Nach der Mittagspause fanden noch zwei Workshops zu den Themen „Insulinpumpentherapie - für wen ist sie geeignet“ (Dr. Jung und Frau Dr. Odenthal, Diabetologen) und „Fehler beim Insulin spritzen – häufige Ursachen für unerklärliche Blutzuckerschwankungen“ (Frau Rothenbucher, Diabetesberaterin) statt. Beide Workshops waren sehr gut besucht. Die Patienten wünschten sich im Anschluss häufigere und noch intensivere Workshops, um ihre Probleme persönlich besprechen zu können.

Der nächste Bad Kissinger Diabetikertag wird am 25. September 2010 in der Deegenbergklinik stattfinden.

Christiane Schmeisl