Berichte

Kontaktsperre, Klavierstunde, Konflikte - Pandemie-Schul-und Kita-“Ferien“, Woche 3

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Wir befinden uns nun in Woche 3 des Homeschoolings und in Woche 2 der Ausgangsbeschränkungen. Während einige in unserem Freundeskreis von der erzwungenen Entschleunigung schwärmen, komme ich mir eher „wie in einem sich immer schneller drehenden Hamsterrad“ vor.

Neben den täglichen Sisyphusarbeiten wie Kochen, Waschen, Aufräumen und Putzen nimmt in unserem Hause das Thema Homeschooling ja einen doppelten Platz ein. Einerseits drucke ich, gerade für Franzi, jeden Tag unzählige Arbeitsblätter aus und tauche mit ihr in die Welt der Fabeln, in Wahrscheinlichkeitsrechnung, in das Universum der ägyptischen Götter und in das Feld der bejahten und verneinten Aussagesätze im Englischen ein. Dabei stellen die Matheaufgaben immer eine besondere Herausforderung für die ganze Familie dar.

So saßen wir an einem Nachmittag alle sechs im Wohnzimmer zusammen. Während ich versuchte, Franzi die Wahrscheinlichkeitsrechnung näher zu bringen, wurden alle meine Erklärungsversuche von einem Dauergekeife unserer Jungs überdeckt.

„Nicht so. Aber Korbi, das gehört nach oben.“ versuchte Vinzi seinen Bruder zu dominieren. „Nein, du brauchst jetzt nichts mehr“ brüllte Vinzi und Korbi schrie zurück. Während Franzi und ich die Anzahl der Möglichkeiten zu ermitteln versuchten, die Dominik hat, wenn er aus einem roten, einem blauen und zwei gelben Legosteinen einen kleinen Turm, der aus drei Steinen besteht, baut, verschwammen mir schon beim wiederholten Zeichnen eines Baumdiagramms die Buchstaben r, b und g für die Farben der Legosteine vor den Augen.

Die Zwillinge bewarfen sich unterdessen mit selbigen, in welcher Farbe auch immer. Nach langem Erklären und Zeichnen von Baumdiagrammen, berechneten Franzi und ich 24 Möglichkeiten, mein Mann kam auf 11 Möglichkeiten. Hatte ich in Stochastik in der Oberstufe eigentlich immer die volle Punktzahl gehabt (allerdings hatte ich da auch die Möglichkeit, in völliger Ruhe ohne Dauergebrüll zu rechnen), beharrte ich zunächst stur auf meiner Lösung, um dann relativ schnell kleinmütig zugeben zu müssen, dass mein Mann wohl doch wesentlich näher an der richtigen Lösung lag. Wir einigten uns schließlich auf 12 Möglichkeiten, ohne zu wissen, ob dies nun richtig sei. Aber die Zwillinge wurden immer lauter und lauter, so dass wir uns mit dieser Lösung zufrieden geben mussten.

Andererseits versuchte ich, alle meine Schüler bestmöglich zu beschulen. Dies gelang nur, wenn sich mein Mann am Nachmittag für ein paar Stunden um unsere vier Kinder kümmerte und/oder ich ab 22 Uhr mit dem Arbeiten beginnen/fortfahren konnte, wenn alle Kinder (insbesondere unsere 5-jährigen Zwillingssöhne) endlich schliefen.

So startete ich auch in den Montagabend der dritten Homeschooling-Woche mit dem Ausdrucken diverser französischer Textproduktionen meiner Neuntklässler. Ich korrigierte eine nach der anderen, bevor ich diese wieder eingescannt und korrigiert an jeden einzelnen Schüler zurückschickte.

Da es mir aus irgendeinem Grund nicht gelang, den Scan eines Schülers auszudrucken, bat ich meinen Mann um Hilfe, der es liebenswürdigerweise auf Anhieb schaffte, gleichzeitig aber aus Versehen auf meine handgefertigten Stricknadeln aus Olivenholz trat. Ich hatte sie kurz zuvor für viel Geld erworben. Natürlich zerbrachen sie unreparierbar in viele kleine Stückchen.

Dies war umso ärgerlicher, als ich wenige Minuten danach feststellen musste, dass ich den unter schmerzlichen Verlusten ausgedruckten Text dieses Schülers ja bereits bestens kannte…Und zwar handelte es sich dabei um exakt die Textproduktion von einer Mitschülerin, die ich zwei Tage zuvor bereits korrigiert hatte.

Sonderlich stolz konnte ich auf meine detektivischen Fähigkeiten allerdings nicht sein, öffnete ich doch eine Mail, die mir der Schüler offenbar kurz vor seiner zweiten Mail (in der er noch nachfragte, ob ich denn die erste Mail erhalten hätte, er habe allerdings das falsche Foto angehängt…) geschrieben hatte und fand in dieser tatsächlich nicht nur die Textproduktion der Mitschülerin wieder, sondern auch noch ihr Anschreiben an mich, das mit ihrem Namen unterzeichnet war…

Etwas geschickter bzw. arbeitsamer gerierte sich ein weiterer Schüler aus meiner neunten Klasse, der als einziger die französischen Sätze nicht abgetippt, sondern - mit einer absoluten Sauklaue auf einem Schmierpapier verfasst - abfotografiert geschickt hatte. Er hatte offenbar die Version einer Mitschülerin immerhin noch geringfügig „überarbeitet“, indem er alle Korrekturen, die ich der Schülerin am Abend zuvor geschickt hatte, in seinen Text eingearbeitet hatte.

Während mir die Mädels meiner neunten Klasse ausnahmslos alle verlangten Textproduktionen fristgerecht geschickt hatten, wartete ich bei drei Jungs immer noch auf eine Mail. Ich war immer gespannt, von welchem Urheber, oder besser gesagt Urheberin, ich zu lesen bekommen würde…

Voller Enthusiasmus erhielt ich beinahe täglich von verschiedensten Seiten per Mail Beschäftigungsvorschläge für die Kinder. Leider waren dies alles Aktivitäten nicht für die Kinder alleine, sondern bei denen immer auch die volle Aufmerksamkeit eines Elternteils erforderlich war. Ich schätze es zwar normalerweise sehr, möglichst viel Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, aber wenn sich die zu korrigierenden Arbeitsblätter der eigenen Schüler nur noch so stapeln, würden mir Beschäftigungsvorschläge alleine für die Kinder deutlich mehr helfen. Dadurch war keine einzige Minute für mich zu gewinnen, eher im Gegenteil…

So wollte ich an einem Vormittag das von unserem Kindergarten per Mail frisch eingetrudelte Rezept für einen Osterhasenpudding mit den Zwillingen probieren. Guter Dinge ließ ich die Jungs nacheinander Löffel für Löffel Maisstärke, Kakaopulver und Agavensirup miteinander vermischen - zumindest die Menge, die sich noch nicht großflächig auf Arbeitsplatte und Küchenfliesen verteilt hatte. Noch bevor wir zum Erhitzen der Milch kamen, warf Vinzi bereits seine Schürze hin, Korbi folgte ihm kurz darauf. Nun lief ich zwischen der Küche - wo ich gut aufpassen musste, dass mir die Milch nicht überkocht - und dem Wohnzimmer, in dem ich für Korbi einen Buntstift in einem ganz bestimmten Braunton für das Ausmalen eines Osterhasenbildes überall verzweifelt suchte und gleichzeitig mit Vinzi Skippo spielen sollte, hin und her. Leider war das Rezept nicht sehr gut geschrieben, so dass der Pudding trotz guten Umrührens aus zahlreichen Klümpchen bestand. Als ich die Jungs etwas verzweifelt fragte, warum wir denn jetzt diese Aktion gemacht hätten, wo sie doch so früh wieder aus der Küche verschwunden wären, meinte Vinzi großzügig: „Also essen tun wir den Pudding schon.“ Gegessen wurde dann auch mit großem Appetit.

Leider schafften wir es erst gegen 14.30 Uhr, uns am Tisch zum Mittagessen zu versammeln. So blieb uns nichts anderes übrig, als den zweiten Teil des Mittagessens in absoluter Stille zu verbringen, begann doch – nun schon in der dritten Woche – pünktlich um 14.45 Uhr Franzis Klavierstunde via Skype.

Ich traute mich kaum mehr zu kauen, aber da unser Klavier im Wohnzimmer steht und dort auch unser einziger Essplatz ist, hatten wir keine andere Alternative. Während Franzi Stück für Stück ihrer Klavierlehrerin bei aufgeklapptem Laptop vorspielte und zwischendurch noch diskutiert wurde, ob diese Skype-Klavierstunden auch noch nach den Osterferien erforderlich sein werden (ich hoffe so sehr, dass dies nicht der Fall sein wird…), mühte ich mich redlich ab, dafür zu sorgen, dass keiner der restlichen fünf Familienmitglieder mit dem Besteck klapperte oder zu laute Essensgeräusche von sich gab.

Wenn alle Kinder im Bett waren, folgte als nächstes immer das neue Ritual in Form des Ausdruckens aller gesammelter französischer Texte meiner Schüler, die im Laufe des Tages in meinem Postfach eintrudelt waren und tagsüber noch nicht von mir bearbeitet wurden. Die meisten Arbeiten waren ordentlich abgetippt. Es gab aber immer wieder Schüler, die mir ihre handschriftlich angefertigten Arbeiten so schlecht eingescannt hatten, dass es auch meinem Mann nur mit größter Mühe gelang, den Ausdruck selbiger so zu gestalten, dass kein Randbuchstabe verloren ging. Das betraf bevorzugt solche, in denen jedes fünfte Wort durchgestrichen war oder von den Eltern interlinear schon diverse Alternativvorschläge, zuweilen auch Verschlimmbesserungen, vorgenommen wurden.

Ein bis zwei Stunden später hatte ich dann alles korrigiert – ich erlaubte mir auch, freundliche Anmerkungen zu den elterlichen Verschlimmbesserungen zu schreiben (immer unter Zeitdruck, da mein Mann schon mal ins Bett gehen wollte) – und gab ihm alle korrigierten Blätter wieder zum Einscannen, bevor ich sie zusammen mit einem netten Anschreiben weit nach Mitternacht an die Schüler zurücksendete. Danach prüfte ich die neu eingetroffenen Beschäftigungstipps für Kindergartenkinder auf ihre Brauchbarkeit für den folgenden Tag… (Dorothea Fading)