Noch nicht lange ist es her, da schrieben die Krankenkassen ein dickes Minus. Viele, auch große Kassen, erhoben Zusatzbeiträge – und verloren durch Kündigung viele Mitglieder, deren gutes Recht bei Verteuerung! Und jetzt? Zum Jahreswechsel staunten wir nicht schlecht: Alle Zusatzbeiträge wurden zurück genommen! Noch bizarrer aber wurde es im Februar/März, als die Zahlen bekannt wurden: Die Kassen und der Gesundheitsfonds schrieben 2011 ein dickes Plus!
Woher kommt denn jetzt das?
Ein Grund: Die Konjunktur läuft gut, viele Menschen haben Arbeit und zahlen ins System ein – das kann sich schnell ändern, man denke an Griechenland und Co., den Euro-Rettungsschirm und die Folgen daraus für die Wirtschaft. Ein anderer Grund ist auch, dass an der Versorgung der Versicherten massiv gespart wurde! Uns allen bekannt: Die heißgeliebten Rabattverträge, die Versicherte, Ärzte und Apotheken ständig auf Trab halten und gerade den älteren Menschen schwer zu schaffen machen! Erschwerter Zugang zu Teststreifen für nicht insulin-spritzende Diabetiker, mit hohen Hürden gespickter Zugang zur Insulinpumpentherapie, usw. Momentan wird gespart, auf lange Sicht denkt keiner! Das heißt: Wir Betroffene schon, aber wir dürfen mit Beiträgen und Steuergeldern nur finanzieren und haben zur Verwendung nichts zu sagen!
Und jetzt? Wohin mit dem reichen Segen? Da sind wieder alle ganz vorn:
Der Bund will was haben – er schiebt auch Geld ins System zur Finanzierung von versicherungsfremden Leistungen und für die beitragsfreie Familienversicherung. Dass er dafür wieder etwas zurück möchte, ist verständlich. Aber dann bitte nicht in die Aufstockung des Euro-Rettungsschirms stecken, sondern sinnvoll zum Schuldenabbau oder für Präventionsprojekte verwenden.
Die Kassen wollen Rücklagen bilden, denn: Es kann bald wieder anders sein. Deshalb meiner Meinung nach in Maßen eine vernünftige Idee, denn schließlich drohen uns Versicherten sonst ganz schnell wieder Zusatzbeiträge oder Beitragserhöhungen.
Und natürlich fordern Ärztevertreter höhere Vergütungen. Ich stimme zu, dass manche Arztgruppen – „sprechende Medizin“: Haus- und Kinderärzte, Diabetologen, usw., einfach alle, die Patienten rundherum versorgen und zur Gesundheit „anleiten“ müssen – dringend mehr Geld verdient hätten, aber das muss durch sinnvolle Umverteilung erfolgen – Apparatemedizin ist wichtig, aber keinesfalls höherwertiger als zeitintensive sprechende Medizin, wie sich das aber leider in den Vergütungsstrukturen darstellt. Was ließe sich langfristig an Geld sparen, würde man Typ-2-Diabetiker am Anfang ihrer Erkrankung oder noch in der Phase der Glukosetoleranzstörung intensiv an die Hand nehmen und unter mehrmonatiger engmaschiger Begleitung an eine gesündere Lebensweise heranführen? Das wäre jetzt am Anfang teuer, stimmt. Aber langfristig eben nicht! Schafft man die Lebensstiländerung mit mehr Bewegung, gesünderer Ernährung und in der Folge weniger Gewicht, wirkt sich das auf viele Bereiche aus: weniger Medikamente gegen Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck – das spart mehr als Rabattverträge! Und kommt direkt dem Patienten zugute! Weniger Zuzahlung bei Medikamenten, weniger Nebenwirkungen. Aber nicht nur das: Weniger Gelenkbeschwerden, weniger Gelenkersatz, denn genutzte, gewichtsmäßig nicht überlastete Gelenke verschleißen weniger und müssen daher seltener ersetzt werden. Weniger Schmerz – mehr Lebensqualität. Für Kliniken, Operateure und Nachsorgeeinrichtungen ist das ein Bild des Schreckens, aber es hilft nichts: Wir müssen in Richtung mehr Gesundheit und Prävention steuern – wir haben in Zukunft weder die finanziellen noch die personellen Ressourcen für die Beibehaltung des heutigen Kurses.
Noch ein von allen Seiten heiß diskutierter Vorschlag, dem ich gerne zustimme: Die Abschaffung der Praxis-Gebühr, die als Lenkungsinstrument für seltenere Arztbesuche gedacht war. Das hat nachweislich nicht funktioniert, denn: Diejenigen, denen die 10 € nicht weh taten, gingen gleich häufig zum Arzt. Anders diejenigen, die sich diese 10 € mühsam vom Mund absparen mussten: Sie gingen seltener zum Arzt, aber auch dann, wenn es dringend nötig gewesen wäre. So wurde manches viel schlimmer! Man bedenke: Es traf sowieso die Bevölkerungsgruppe, die kränker ist. Die Entlastung von diesem bürokratischen Wust, der hauptsächlich für die hausärztlichen Praxen anfiel, gibt auch wieder ein bisschen mehr Freiraum für die eigentliche Aufgabe: die Versorgung von uns Patienten, die wir unsere Beiträge ja eigentlich auch dafür leisten!
Was ich von dem Vorschlag, 5 € pro Arztbesuch zu verlangen, halte, dürfte klar sein: Gar nichts! Vielleicht spart es den ein oder anderen Arztbesuch sinnvoll ein, aber die Gefahr ist riesengroß, dass auch viele dringend notwendigen Besuche entfallen, was fatale Folgen haben kann – man denke mal nur an einen Patienten mit diabetischem Fußsyndrom! St. Vincent-Deklaration ade!
Ihre Marion Köstlmeier im März 2012

