Ein besonderes Jubiläum feierte die <link>Diabetes-Selbsthilfegruppe Nördlingen im Mai-Treffen: Johann Fellner, Mitglied der Gruppe, wurde für seine 50-jährige Mitgliedschaft im Diabetikerbund Bayern geehrt.
Im Auftrag des Landesvorstands bedankte sich Luise Beck, Leiterin der Diabetes-SHG Nördlingen, für die langjährige Treue und mit den besten Wünschen für viele weitere gesunde Jahre überreichte sie dem Jubilar eine Urkunde und ein Präsent des Landesverbands.
Herr Fellner berichtete den rund 80 Besuchern des Abends, welche Erfahrungen er in seinen 59 Jahren mit Diabetes gemacht hat. Er sah Diabetes nicht als Krankheit, sondern fühlte sich als gesunder Mensch mit kleinen Einschränkungen.
Abschließend dankte er auch dem Diabetikerbund, von dem er sich in den 50 Jahren sehr gut vertreten fühle. Besonders schätzte er das Diabetes-Journal und die Mitgliederzeitschrift Kontakt. Auch in der SHG Nördlingen fühle er sich sehr wohl. (Luise Beck)
Johann Fellner: Über mein Leben mit Diabetes
Eigentlich habe ich, wenn es nicht nötig war, über mein kleines Leiden nicht gesprochen, weder gegenüber Fremden noch im Freundeskreis! Nachdem ich nun für meine 50-jährige Mitgliedschaft im DDB geehrt wurde und mich Frau Beck fragte, ob ich bereit wäre, ein paar Worte über mein Leben mit Diabetes zu sagen, habe ich zugesagt: Vielleicht ist der eine oder andere Tipp mit dieser Krankheit positiv umzugehen für Sie dabei.
1953 – in meinem 5. Lebensjahr - wurde die Zuckerkrankheit festgestellt. Es dauerte sechs Wochen bis man auf die Diagnose Zuckerkrankheit kam: Kein Arzt sondern eine ambulante Schwester gab den Hinweis! Im Städtischen Krankenhaus in Landshut wurde ich dann behandelt – sie hatten wenig Erfahrung. Außer 14 Tage Haferschleim gab es nichts zu essen. Nach der Einstellung bekam ich zweimal am Tag mein Insulin aus einer riesigen Spritze.
Die nächsten 13 Jahre, soweit ich mich noch erinnern kann, waren die schwierigsten: Wachstum, Schule, Lehre - und nach wie vor wenig Erfahrung in der Medizin: ich war eher ein Versuchskaninchen. Ich wurde in diesen 13 Jahren 17 mal neu eingestellt - immer wieder mit einem anderen Insulin. Und es gab ja nur einen Test beim Hausarzt, ansonsten lebte man in der Hoffnung „Es wird schon passen“. Und da war natürlich die ziemlich strenge Diät – meine Mutter achtete sehr darauf.
Nach meiner Lehre zum Einzelhandelskaufmann hatte ich in München natürlich keine geregelten Arbeits- und Essenszeiten. Ich hatte damals bereits eine 4-½-Tage-Woche, allerdings von morgens 7 Uhr bis abends 19 Uhr. Es gab Kantinenessen für 35 Pfennig – es schmeckte gut, war allerdings nicht immer diabetesgerecht klar einzuschätzen.
Am Abend war man als junger Mensch in München nicht zuhause, sondern viel unterwegs. Die Blutzucker-Schwankungen führten zu einer erneuten stationären Behandlung und ich hatte das große Glück, dass ich in München in das Schwabinger Krankenhaus eingewiesen wurde. Hier gab es, wie Ihnen sicher bekannt ist, einen Spezialisten für Diabetes - Herrn Professor Dr. Mehnert! Ich wurde innerhalb von drei Wochen neu eingestellt - und vor allem neu geschult! Ich spritzte nun zwei verschiedene Insuline: Kurzzeit am Tag und Langzeit für die Nacht.
Erste Schulung mit 19
Ab sofort wurde mir vermittelt: Es gibt nichts, was ein Diabetiker nicht essen und trinken darf. Es muss nur alles berechnet werden und in den Plan passen. Ein Beispiel: Mein Zimmerkollege trank jeden Tag drei Bier - für mich damals unvorstellbar. Ich bat um einen Termin bei Herrn Professor Mehnert und ich wurde aufgeklärt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen Schluck Alkohol getrunken! Im Krankenhaus habe ich gelernt, dass ich selbst für mein zukünftiges Leben verantwortlich bin und jeden Tag entscheiden kann, wie ich mit meinem Diabetes am Besten umgehe.
Mit 19 Jahren bekam ich eine Anstellung als Außendienst-Mitarbeiter in Nördlingen. Mein Hausarzt gab mir ein Schreiben für meinen zukünftigen Arzt mit, er solle mich nicht sofort ins Krankenhaus einweisen, falls der Blutzucker größere Schwankungen aufwiese.
Mit 21 Jahren heiratete ich ein Nördlinger Mädel, die es bis heute mit mir aushält und natürlich meine beste Ernährungsberaterin ist, auch wenn sie mir manchmal vom Glas Wein abrät. Als Alternative bietet sie mir eben einen besonderen Tee an, den ich auch gerne annehme. Aus unserer Ehe entsprangen zwei Kinder: unser Sohn ist 42 Jahre und die Tochter 37 Jahre alt. Wir haben drei Enkelkinder. Bis heute sind alle gesund und es gibt keine Anzeichen von Diabetes.
Apropos: Wein ist eine kleine Leidenschaft, ich trinke mäßig aber regelmäßig. Nach dem Tennismatch trinke ich auch gerne mal ein Weizenbier - hier steigt der Blutzucker dann schneller an, aber das wissen Sie ja selbst.
Außendienst weltweit
Da ich seit meinem 19. Lebensjahr im Außendienst tätig bin (war), habe ich mich natürlich viel in Gaststätten versorgen müssen. Wie Sie sicher auch schon festgestellt haben, kommt es vor, dass man dieses Essen völlig falsch berechnet hat - aber als selbst Verantwortlicher testet man zwischendurch und korrigiert entsprechend: Das ist das Schöne an unserer Krankheit – wir sind heute so ausgestattet und geschult, dass wir alles selbst wieder ins Reine bringen können.
In meiner beruflichen Laufbahn wollte ich mich natürlich weiterentwickeln. Mir wurde in den 45 Berufsjahren auch die Möglichkeit zum Aufstieg in den Unternehmen geboten und es war nie ein Thema, dass ich Diabetiker bin. In dieser Zeit habe ich acht Jahre Fernost–Einkaufsreisen nach China, Taiwan und Thailand machen dürfen, wo ich natürlich mit meinem Diabetes gefordert war, gerade auch, weil ich die ersten beiden Reisen noch mit drei verschiedenen Insulinen in entsprechenden Pens bewältigen musste. Da gab es natürlich schon Ausreißer nach oben, aber bei solchen Reisen ist es besser, wenn der Blutzucker etwas höher als zu niedrig liegt, denn nach drei Wochen kehrt der Alltag wieder ein und den haben wir ja im Griff!!!
Insulinpumpe: mehr Lebensqualität
Zum Abschluss muss ich Ihnen natürlich noch berichten, dass ich mich im Oktober 1998 Gott sei Dank von Herrn Dr. Blechschmidt habe überzeugen lassen, dass ich mit einer Insulinpumpe wesentlich mehr Lebensqualität hätte. Innerhalb einer Woche haben wir, Dr. Blechschmidt und ich, die Pumpe so programmiert, dass ich die zugesagte bessere Lebensqualität sehr schnell erkannte: ich konnte essen, wann ich wollte. Das war sehr nützlich – in beruflichen Situationen, im Sport oder bei einem Abendessen, das sich über den gesamten Abend verteilte.
Von 1998 bis August 2011 habe ich ein langsam wirkendes Insulin verwendet. Dieses Insulin wirkte nicht kurzfristig, so dass ich nach dem Sport öfter Unterzucker hatte, manchmal ein echtes Problem! Ich habe die Basalraten mehrfach in den Jahren zu verschiedenen Tages– oder Nachtzeiten verändert. Allerdings war ich bei den drei-monatlichen Blutuntersuchungen mit dem HbA1c-Bestimmung mit dem Wert nicht zufrieden. Herr Dr. Blechschmidt hat mir mehrfach geraten, ich solle auf ein schneller wirkendes Insulin wechseln, was ich leider erst im besagten August 2011 befolgte.
Herr Dr. Blechschmidt stellte die Basalrate der Pumpe auf das neue Insulin ein, die weitere Programmierung nahm ich in den nächsten zwei Wochen in meinem normalen Tagesablauf – Essen, Sport, Ruhezeit - selbst vor. Mein HbA1c hat sich im letzten halben Jahr von 8 auf 6,7 % verbessert.
Genießen Sie jeden Tag!
Ich hoffe, dass ich Ihnen einen kleinen Einblick in meine 59 Jahre Diabetes gegeben habe und für Sie die eine oder andere Situation dabei war, die Ihnen den Umgang mit Ihrer Zuckerkrankheit leichter macht. Bitte nehmen Sie Ihr kleines Schicksal an - und gehen Sie damit positiv um! Genießen Sie jeden Tag mit Ihrem Diabetes - es gibt nämlich viel schlimmere Krankheiten!!!
In diesem Sinne alles Gute
Ihr Johann Fellner

