Kolumne

Plötzlich defekt!

Anfang März, am selben Tag hat sich Viktoria Rebensburg an den Bändern verletzt, bin ich beim Langlaufen in einer schnellen Abfahrt gestürzt und dabei ist es passiert: Die allererste Sportverletzung meines Lebens. Nicht schlecht, dies erst im 50. Lebensjahr erleben zu müssen, mag so mancher denken, aber ich hätte es auch jetzt nicht gebraucht!


So manchem mag spontan auf der Zunge liegen: „Ich sag es ja immer wieder: Sport ist Mord!“ Ja, wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen, aber den Spaß an Sport und Bewegung lass ich mir davon nicht nehmen und sollte auch sonst niemand tun. Denn: Die meisten Unfälle passieren dort, wo wir uns sicher fühlen: Im eigenen Zuhause! Und, so zeigen viele Studien: Zu wenig Bewegung birgt viel mehr Gesundheitsrisiken als Aktivität!


Dumm gelaufen – dieser Sekundenbruchteil hatte Auswirkungen auf viele Monate! Nun ist Stillstand überhaupt nicht meine Stärke. Ich muss was tun, aktiv sein – Bewegung im Alltag ist für mich normal, mein Hauptverkehrsmittel das Fahrrad. Aber es half nichts, die Schulter, natürlich dann auch gleich noch die rechte, forderte ganz entschieden Auszeit von fast allem.


Tja, da stand ich nun in diesem Jahr mit vielen Vorhaben, die Heilsein voraussetzten. Das passte überhaupt nicht in den Plan. Es ist trotzdem weiter gegangen, wenn auch an vielen Stellen nicht so wie vorher gedacht und vor allem: Viel langsamer. Und manches wurde längerfristig vertagt. Aber diese Zeit brachte im Rückblick auch viele neue Erfahrungen und Sichtweisen:

  • Mir war vorher nicht bewusst, welche Rolle die Schulter beim Gebrauch der Hand spielt – z.B. war die erste Zeit Schreiben, egal ob handschriftlich oder mit der Tastatur, einfach nur grausam, Mausschubsen mit eingeschlossen – und das trotz Schmerzmittel, die ich freiwillig nahm, obwohl ich hier immer sehr spartanisch lebe. Herunterfahren auf ein Minimum war möglich, ganz Lassen ging aber nicht – das Leben muss ja irgendwie weiterlaufen – ringsherum steht nichts still. (Auf das Kennenlernen des Ausfalls anderer Körperteile verzichte ich, sofern möglich, gerne. Ich glaube es jetzt auch so.)
  • Eine Rechtshänderin, die mit rechts nun wenig zustande brachte – das ist hart! Große Bewunderung an alle, die beidhändig unterwegs sind. Andere Lösungen suchen wurde zum Programm - ich habe gelernt, viel mehr mit links zu tun, aus der Zwangslage heraus. Ich bin jetzt nicht mehr so einseitig – das ist ein Vorteil, den ich mir unbedingt erhalten möchte!
  • Gesundheit zurück zu erlangen oder z.B. auch eine chronische Erkrankung wie Diabetes in den Alltag zu integrieren, kostet viel Disziplin und Energie und ist harte Arbeit. Das wird immer dann wieder bewusst, wenn man selbst bzw. als Angehöriger mittendrin steckt.
  • Gesundheit ist ein hohes Gut und gar nicht selbstverständlich. In „normalen“ Zeiten geht das unter, man vergisst oft, dankbar hierfür zu sein. In der Krise hat Gesundheit und der Weg dorthin sofort wieder einen ganz hohen Stellenwert.

Es gäbe hier noch viel mehr zu sagen, aber schon diese, zugegeben sehr subjektiven, Punkte aus meiner persönlichen Sicht heraus zeigen:


Jede Krise bietet immer auch die Chance, Neues zu lernen und brachliegende Ressourcen zu entdecken, die sonst verborgen geblieben wären! Dazu kommt noch – ich wünsche es allen - die Erfahrung: Die Familie hält zusammen – gemeinsam schaffen wir alles.


Eine Gemeinsamkeit haben wir, die Gesamtheit der Mitglieder im Diabetikerbund Bayern: Wir alle mussten die Diagnose Diabetes verdauen – ob bei uns selbst oder bei einem Familienangehörigen. Das war für niemanden einfach, aber ein Zurück in die unbeschwerte Zeit vorher gibt es nicht. Es gibt nur ein Weitergehen, das Akzeptieren der veränderten Situation und das Lernen, daraus das Beste zu machen, um auch mit Diabetes ein erfülltes Leben zu führen. Und wir alle wissen auch: So einfach und schnell, wie dies klingt, geht das ganz und gar nicht. Diabetes stellt uns ein Leben lang immer wieder vor neue Herausforderungen.


Ich wünsche uns allen viel Erfolg in der Bewältigung von Krisen aller Art – gehen wir mit Zuversicht voraus, dann schaffen wir es.


Ihre Marion Köstlmeier