Kolumne

Entern uns die Piraten?

Still ist es geworden um Gesundheitsreform und Co.- also alles in Butter? Nein, denn es jagt eine Wahl die andere und da stehen unangenehme Themen gar nicht hoch im Kurs, denn damit drohen Stimmen- und Machtverlust!

 

Wir Wähler, zumindest ich, wollen mit unserer Stimme die Vertreter bestimmen, die unser Land und unsere Gesellschaft voranbringen – aber nicht nur von Wahlkampf zu Wahlkampf, sondern mit vorausschauendem Blick in die Zukunft, ob an der Macht oder auch nicht. Es sollte um die Sache gehen. Leider ist das, so mein Eindruck, immer weniger der Fall. Mich ärgert das maßlos! Und wohl nicht nur mich, denn jetzt passiert das:

 

Es kommt Neues aus dem Nichts - für mich völlig überraschend, für Sie auch? Bei jeder Wahl 2012 zählten die Piraten zu den Gewinnern, übersprangen sicher die 5%-Hürde und zogen in so manche Landesregierung ein – aber: Sieht so ein neuer Hoffnungsträger am Parteihimmel aus?

 

Zu meiner Jugendzeit, als ich das erste Mal die Qual der Wahl hatte, waren die Grünen neu, eine Gruppierung, die sich den Umweltschutz groß auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Und ein Thema, das die anderen Parteien ignorierten, obwohl auch damals schon „5 vor 12“. Die Grünen waren neu, anders – man denke an die Bilder von Parteitagen oder aus den Parlamenten: kein Anzug, sondern Öko-Klamotten, Stricknadeln in der Hand oder Stillkind an der Brust – ein Aufbegehren gegen die Konventionen. Alle Generationen spätestens ab 40+ waren schockiert, anders die Jüngeren – wir waren eher fasziniert. Die Grünen hatten klare Ziele und Vorstellungen und sie haben sich zu einer soliden Partei entwickelt, die schon mit in der Regierungsverantwortung stand und jetzt zum ersten Mal ein Bundesland regiert! Wer hätte das damals gedacht?

 

Heute kommen die Piraten – jetzt gehöre ich zur Generation 40+ und stehe vor diesem Neuen mit vielen bangen Fragezeichen. Das seien Protest- und sehr junge Wähler, die in etablierten Parteien keine Heimat fänden, so die Analysten. Leuchtet mir ein und hat eine Parallele zu damals. Auch der Auftritt von Johannes Ponader bei Günther Jauch – im Schlabberlook und nackten Füßen in Trekking-Sandalen – wieder entgegen jeder Tradition. Soweit so gut - aber: Was sind deren Ziele? Eins ist klar: Sie agieren gerade da, wo auch ihre Zielgruppe ist – in sozialen Netzwerken im Internet, ständig präsent, sogar in einer Live-Sendung. Sie fordern, was ihre Anhänger wollen, sind an dem Puls der Zeit – und was kommt raus? Sie werden gewählt. Mit diesem Erfolg haben sie, glaube ich, so schnell nicht gerechnet. Jetzt will jeder wissen, was sie denn wollen und man redet sich raus: Haben erst ein paar hauptamtliche, bezahlte Politiker, und viele Ehrenamtliche. Muss sich erst an die neue Situation gewöhnen usw., waren Aussagen, die ich gehört habe.

 

Die Jugend macht sich darüber weniger Gedanken – vielleicht denken wir Älteren auch zu kompliziert. Wer haftet, wer bezahlt was, woher kommt das Geld für Forderungen? Das bremst und hindert uns an vielem, unsere jugendliche Unbekümmertheit ist weg – gut oder schlecht?

 

Mit neuen Medien tun sich die etablierten Parteien schwer, auch mit Ehrlichkeit im Wahlkampf – dabei führt das zum Ziel, wie man in NRW sehen konnte: Hannelore Kraft gewann mit Einsatz der neuen Medien und Mut zu offenen und ehrlichen Worten, während Norbert Röttgen sich hinter den wohlbekannten, nichtssagenden Parteifloskeln versteckte – und prompt scheiterte.

 

Die Piraten bringen Unruhe ins Gefüge: Sie rütteln Wähler und etablierte Parteien auf! Das haben sie schon geschafft. Ob sie sich mit der Zeit etablieren können? Ich bin gespannt.

 

Ihre
Marion Köstlmeier