Kolumne

Wieso nicht ich? Oder Du? Oder Sie?

Wie kommt man dazu, eine Selbsthilfegruppe zu leiten? Am Beginn steht die Motivation, sich mit Betroffenen in ähnlicher Situation austauschen zu wollen. Findet man keine aktive Gruppe im erreichbaren Umfeld, könnte man selbst eine Gruppe gründen. Oder: Es existiert eine Gruppe, deren Teil man evtl. auch schon mehr oder weniger lange ist, irgendwann steht ein Leiterwechsel an.

Bei mir persönlich traf letzteres zu: Seit vielen Jahren schon Mitglied in der Gruppe habe ich bei Bedarf meine Vorgängerin(nen) schon immer unterstützt. Knall auf Fall stand wegen des plötzlichen Rücktritts meiner direkten Vorgängerin die Gruppe vor der Auflösung. Was tun?

Mir war die Gruppe wichtig, weil ich schon viele Jahre von ihr profitiert hatte. Vor die Wahl gestellt, die Gruppe nicht mehr zu haben oder sie selbst zu übernehmen, habe ich mich für die Übernahme der Leitung entschieden. Ich würde mir wünschen, dass auch in anderen Gruppen mehr Teilnehmer in die Bresche springen würden, denn es ist um jede gewachsene Selbsthilfegruppe und besonders für ihre Mitglieder schade, wenn sie plötzlich nicht mehr existiert. Es steckte in den Jahren des Bestehens so viel Herzblut drin!

Warum eigentlich Selbsthilfegruppe? Für mich war dies vor 20 Jahren ein klarer Fall: Ich wollte von den Erfahrungen anderer profitieren. Ich stand vor der großen Herausforderung „Kleinkind mit Diabetes“, das eben nicht verstand, warum es ständig gepikst und gespritzt werden musste, und Essen zu bestimmten Zeiten ein Muss und zu anderen Zeiten eben verboten war bzw. beschränkt auf kohlenhydratfreie Lebensmittel. Die Theorie gab es in der Schulung und in schlauen Büchern, die praktischen Erfahrungen und Tipps, die nirgends geschrieben sind, aber in der Selbsthilfegruppe. Und daneben buchstäblich mit „geteiltem Leid ist halbes Leid“ eine psychologisch wichtige Entlastung. Hier fand man andere, die die speziellen Probleme, Notlagen, Schwierigkeiten, Belastungen, Hochs und Tiefs ohne große Erklärung aus eigener Erfahrung nachvollziehen und mitfühlen konnten. Wir halfen zusammen. Und bis heute gilt: Jeder bringt seine Erfahrungen in die Gruppe ein und jeder profitiert auch von den Erfahrungen der anderen. Wo viele sind, gibt es auch viele verschiedene Lösungen, ob es da jetzt um einen Tipp zum Verstauen einer Insulinpumpe geht oder um Schullandheimaufenthalte oder um das eigenen zwiespältigen Gefühle, das eigene Kind ständig mit Nadeln piesacken zu müssen.

Schwupps war ich Gruppenleiterin – mit großem Respekt und Bedenken, ob ich der Aufgabe gewachsen sein würde. Aber: es zeigte sich der wahre Kern des Sprichworts „man wächst mit seinen Aufgaben“! Natürlich steckt in der Gruppenarbeit auch einiges an Freizeit und ehrenamtlicher Arbeit. Aber es hilft ja nichts: Gruppentreffen finden nur dann statt, wenn sie organisiert werden. Kontakte aufbauen und pflegen, die Gruppe bei Bedarf nach außen zu vertreten und für Gruppenmitglieder auch mal zwischen den Treffen da zu sein, sind wirklich schöne Aufgaben. Ich freue mich, helfen zu können – und es kommt viel Positives zurück. Gibt es eine sinnvollere Freizeitbeschäftigung?

Natürlich sind da auch ein paar Dinge, die echt lästig sind: Das ist die immer mehr ausufernde Bürokratie um Förderanträge für die Selbsthilfe – von Antragstellung bis hin zum Verwendungsnachweis, auferlegt von den Geldgebern bzw. den zur Verteilung und Kontrolle erschaffenen Strukturen, die mit hauptamtlichem Personal einen erheblichen Teil der Gelder, die der Selbsthilfe zustehen, verschlingen. Meine Aufgabe: Am Anfang des Jahres möglichst vorausahnen, was für die Gruppe bis zum Jahresende interessant und wichtig sein könnte, um auf diesen Grundlagen einen bedarfsgerechten Antrag stellen – unter Einhaltung natürlich der Richtlinien zu „förderfähigen“ Posten. Das ganze Jahr sauber Buch führen, Belege sammeln und den einzelnen Förderarten (gesetzlich oder staatlich – manches geht nur hier, manches auch nur dort) zuordnen bis hin zu den fälligen Verwendungsnachweisen mit evtl. geforderten Anlagen. Für mich, ehrlich gesagt, genauso lästig und ungeliebt wie die Steuererklärung, aber beides muss sein: Warum sollte man für sich persönlich (Steuererklärung) oder zum Wohle der Gruppe (Fördermittel) auf finanzielle Mittel verzichten, für die ein berechtigter Anspruch besteht? Also: Augen zu und durch den Bürokratiedschungel durch - unter dem Dach des Diabetikerbundes bin ich auch hier nicht allein und profitiere von Erfahrungen anderer!

Ich danke allen Aktiven in unseren Selbsthilfegruppen und wünsche mir für sie und auch für mich, dass wir aus unseren Gruppen heraus zur richtigen Zeit geeignete Nachfolger finden, damit wir alle mit einem guten Gefühl loslassen dürfen.

Ihre Marion Köstlmeier