Sie sind Schirmherrin des Jubiläums „60 Jahre Diabetes-Selbsthilfe in Bayern“ und des Wettbewerbs „Kinder erzählen meine Krankheit“ - haben Sie einen persönlichen Bezug zu Diabetes?
Barbara Stamm: In meiner langjährigen politischen Arbeit konnte ich viel Erfahrung mit dem Selbsthilfebereich sammeln und ganz persönlich habe ich dessen Arbeit sehr hautnah erlebt – ich weiß ihn deshalb sehr zu schätzen. Selbsthilfe findet in der Gemeinschaft statt, Menschen helfen sich gegenseitig. Selbsthilfe ist heute sehr professionell aufgestellt. Es ist großer Sachverstand zur Erkrankung, dem Umgang mit ihr, dem Verlauf und der Prävention vorhanden.
In Bayern gibt es sehr gute, hochwertige Versorgungsangebote. Sind wir in der Versorgung chronisch Kranker insgesamt gut aufgestellt?
Barbara Stamm: Bedingt durch den medizinischen Fortschritt und dadurch, dass wir wirklich Hochleistungszentren haben, sind wir insgesamt sehr, sehr gut aufgestellt. Die Frage ist nur, wie gut ist die Vernetzung, wie sieht es mit der Versorgung in der Fläche aus und wie rechtzeitig kommt das bei den Betroffenen an, denn je früher ärztliche Hilfe erfolgt, desto besser sind natürlich auch die Chancen einer Rehabilitation oder eine Gesundung.
Haben die so genannten Disease Management Programme (DMP) diese Vernetzung und die strukturierte Behandlung von chronisch kranken Patienten, also etwa von Diabetikern oder Asthmatikern, in den letzten Jahren verbessern können? Was könnte die Landespolitik tun, damit wir in der Versorgung der chronisch Kranken eventuell noch besser werden, z.B. im Bereich Patientenschulung?
Barbara Stamm: Verbessert mit Sicherheit. Das bedeutet aber nicht, dass wir da schon am Ende sind. Vor allem, wenn es um die Möglichkeiten der gesetzlichen Krankenversicherung geht zur Aufklärung und zur systematischen Anleitung von Familien, Kindern und Jugendlichen, wie sie mit einer chronischen Krankheit am besten umgehen sollten und was sie in eigener Verantwortung tun können. Auch die Rahmenbedingungen an den Schulen können noch weiter entwickelt werden. Zum Beispiel ist es ganz wichtig, dass an einer Ganztagsschule und in der Ganztagsbetreuung darauf geachtet wird, wie die Ernährung ist. Was wird dort den Kindern angeboten beim Essen? Das sind alles Bereiche, die berücksichtigt werden müssen. Auch die Frage, wie Kinder in den Klassenverband integriert sind, zum Beispiel Typ 1-Diabetiker. Es muss möglich sein, Kinder mit Diabetes in den Klassenverband zu inkludieren.
Stichwort Prävention. Gibt es gesundheitspolitische Instrumente, um die Entwicklung von chronischen Krankheiten und die teils gravierenden Folgen dieser Erkrankungen zu mindern?
Barbara Stamm: Beim Typ 1-Diabetes tue ich mir da schwer, weil ich glaube, dass wir da auf die Forschung angewiesen sind. Den Typ 2 kann ich mit Sicherheit beeinflussen, indem ich auf die Ernährung auf meine Lebensweise achte. Da kann man sehr viel in der Eigenvorsorge und präventiv tun, und ich bin der Meinung, das darf man den Menschen auch zumuten und man darf sie nicht aus ihrer Verantwortung entlassen.
Das heißt, die Gesundheitspolitik sollte darauf abzielen, die Eigenverantwortung und das Wissen um eine gesunde Lebensweise zu stärken?
Barbara Stamm: Aufklärung und Motivation ist mit Sicherheit ein ganz wesentlicher Bestandteil jeglicher Art von Prävention.
Wie kann Politik Betroffenen helfen?
Barbara Stamm: Politik kann Rahmenbedingungen schaffen, damit Betroffene ihr Leben mit der Erkrankung gut in den Griff bekommen. Politik kann über Schnittstellen für eine gute Vernetzung aller Beteiligten sorgen.
Man hört immer wieder, dass selbst betroffene Kollegen ihre Krankheit nicht offen legen und damit die Chance ergreifen, Aufklärung zu forcieren – wie erleben Sie dies?
Barbara Stamm: Wer gibt schon gerne Krankheiten zu oder spricht über sie? Wir wollen alle gesund sein und bleiben. Erst mit der Diagnose denkt man um. Wichtige Aufgabe der Politik ist das Schaffen von Anreizen zur Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen. Ich nenne als Beispiel das bayrische Erziehungsgeld: Es wird nur gewährt bei nachgewiesener Teilnahme der Kinder an den angebotenen Vorsorgeuntersuchungen. Man denke auch an das Beispiel Gurtpflicht im Auto: Trotz viel Aufklärung erreichte man wenig – erst mit der Einführung des Bußgeldes wurde dies zur Selbstverständlichkeit.
Die Fragen in allen Interviews stellten „DAS Diabetes TV“ und Eduard Gossner, CJD Berchtesgaden. Vielen Dank an alle Akteure und natürlich an Barbara Stamm für dieses ausführliche Gespräch zu vielen wichtigen Themen.

