Seit Anfang 1994 sind wir im Diabetikerbund dabei und profitieren ebenso lange von Selbsthilfegruppen. Das Aufgefangenwerden von anderen, deren Kind schon länger Diabetes hat, half uns als Familie sehr. Klar, man wäre auch irgendwie allein zurecht kommen, aber warum alleine, wenn ich von den Erfahrungen anderer profitieren kann?
Diese gut 20 Jahre im Diabetikerbund Bayern kann ich überblicken und, wenn mich am Anfang auch primär München interessierte, so erinnere ich mich, dass die Liste der Selbsthilfegruppen in ganz Bayern damals doch sehr übersichtlich war. Irgendwann wurden es immer mehr - zu Beginn meiner aktiven Zeit 2001 waren es im Münchner Stadtgebiet zehn Gruppen, heute sind es nur noch fünf.
Nun bin ich seit einigen Jahren die Redakteurin des kontakt und deshalb fällt es mir besonders auf: Es werden im gesamten Freistaat weniger Selbsthilfegruppen. Wir haben natürlich viel Kontakt zu Gruppenleitungen - die meisten davon vermuten: Wenn ich die Leitung niederlegen will oder muss, wird sich niemand zur Verfügung stellen. Sie glauben das nicht? Es ist schon oft passiert. Andere Gruppenleiter wären hochmotiviert und würden gerne viel bieten - aber: Der Gruppenbesuch ist über die Jahre in vielen Fällen auch zurückgegangen – ebenfalls ein Grund, weshalb die ein oder andere Gruppe nicht mehr existiert.
Ich finde diese Entwicklung sehr schade, denn ich sehe in meiner Gruppe, die mich damals auffing und die ich seit einigen Jahren leite, wie sehr die Gemeinschaft helfen kann. Neue Familien werden mit offenen Armen aufgenommen und jeder versteht, wie es ihnen geht, anders als im normalen sozialen Umfeld. Jetzt sind dies natürlich in einer Familiengruppe jüngere Menschen, die weniger Problem haben, sich zu „outen“. Das sieht bei Selbsthilfegruppen mit älteren Teilnehmern oft anders aus, erst recht dann, wenn Typ 2-Diabetiker das fatale Vorurteil "selbst schuld" an ihrer Erkrankung zu sein, verinnerlicht haben. Mensch, bedenken Sie: In Notzeiten hätten Sie mit Ihrer genetischen Variation klare Überlebensvorteile. Wenn es diese Disposition nicht gäbe - wer weiß, ob wir als Spezies Mensch jetzt noch existieren würden. Offen mit Diabetes umgehen, ihn als Herausforderung annehmen - das muss der Weg sein, denn mit "Kopf-in-den-Sand-stecken" kommt niemand weiter.
Ich kann nur aufrufen: Geht in die Selbsthilfegruppen, seid offen, lernt voneinander und miteinander, erlebt Gemeinsamkeit.
Selbsthilfe und die Gruppen sind natürlich im Wandel – das ist nicht mehr die einzige Informationsquelle. Diabetiker bekommen Schulungen, es gibt Internet mit seriösen und unseriösen Informationen, Foren, Blogs und soziale Netzwerke – eine Vielzahl neuer Möglichkeiten, die meiner Meinung nach wertvolle Ergänzungen sind. Sie machen für Selbsthilfegruppen z.B. Austausch und Informationsweitergabe zwischen den Treffen via E-Mail-Verteiler möglich.
Selbsthilfe – wozu eigentlich? Und hier meine ich nicht nur die Gruppen, sondern besonders die Mitgliedschaft im Diabetikerbund. Hab ich was davon bzw. was hab ich davon – diese Fragen höre ich an Info-Ständen immer wieder.
Für mich ist die Mitgliedschaft eine Selbstverständlichkeit, denn das ist MEINE Interessenvertretung, nur gemeinsam sind wir stark und erreichen etwas, finden Gehör. Oft höre ich am Stand: Was tut denn der Diabetikerbund für…? Ja, der setzt sich ein, dass es Diabetikern gut geht, sie Zugang zu modernen Therapieoptionen haben, trotz Diabetes ein ganz normales Leben führen können, Vorurteile verschwinden usw. Diejenigen, die da so kritisch fragen, sind natürlich nicht Mitglied – sie glänzen aber auch nicht mit viel Wissen über ihren Diabetes. Und deshalb ist das doppelt traurig, denn es hat schon einen Grund, weshalb das Diabetes Journal Mitgliederleistung ist – regelmäßig gelesen würden diese Personen ganz entscheidend dazu lernen.
Mein persönliches Fazit: Selbsthilfe ist, wie alles, im Wandel, sie findet zunehmend Gehör, ihre Bedeutung steigt – Selbsthilfe ist noch lange kein Auslaufmodell!
Ihre Marion Köstlmeier
Kolumne

