Die Diagnose Diabetes mellitus Typ 1 war ein Schock für uns! Diesen 5. Dezember 2007 werden wir nie mehr vergessen. Unser Sohn war damals gerade acht Jahre alt geworden. Unser Kind unheilbar krank?! Diabetes? Das kriegen doch nur alte Leute. Was, es gibt verschiedene Arten von Diabetes? Die Bauspeicheldrüse hört auf zu arbeiten? Wie wird es weitergehen? Kann er überhaupt den Alltag alleine bewältigen? Können wir jemals wieder in ein anderes Land fliegen? Fragen über Fragen stürzten auf uns ein und natürlich auch immer wieder die Frage: Warum gerade wir?
Die ersten zwei Wochen im Krankenhaus werden uns wohl immer in Erinnerung bleiben. Wir hatten das große Glück, im Krankenhaus in guten Händen zu sein und Antworten auf unsere Fragen zu erhalten. In intensiven Schulungen und Gesprächen mit unserer Ärztin, die uns jederzeit zur Seite stand, sowie psychologischer Begleitung lernten wir - jeder für sich - diese neue Herausforderung anzunehmen. Unser Sohn lernte die selbstständige Durchführung seiner Therapie und ich staune bis heute, wie schnell er sich darin eingefügt hat. Dieses Kind mit seinen acht Jahren musste plötzlich soviel Verantwortung übernehmen!
Nach zehn Tagen durften wir das erste Mal übers Wochenende nach Hause fahren und ich weiß noch wie heute, wie aufgeregt wir alle waren. Unser Leben drehte sich damals nur um den Diabetes. Von Morgens bis Abends waren wir seine „Sklaven“, obwohl uns im Krankenhaus immer wieder gesagt wurde, dass wir locker bleiben sollen und jederzeit anrufen könnten.
Nach unserer endgültigen Entlassung zwei Tage vor dem Heiligen Abend sind wir vier Tage später gleich ins Erzgebirge gefahren. Dort hatten wir gleich mal einen Wert von über 350 mg/dl und eine halbe Stunde später einen von 33 mg/dl. Das Chaos war perfekt und die Nerven lagen blank, aber irgendwie haben wir wieder Stabilität in die Sache gebracht. Nach einem Jahr Spritzentherapie hat sich unser Sohn für eine Insulinpumpe entschieden. Damit ist das Leben für uns alle erheblich einfacher geworden.
Wenn wir heute, fünf Jahre später, einen 300er-Blutzuckerwert haben, gibt es nur noch ein kurzes Registrieren und die Ansage, doch ein bisschen zu korrigieren - früher hätten wir einen halben Herzinfarkt bekommen! Ich kann nur allen Müttern und Vätern aus Erfahrung sagen: Man wird gelassener. Irgendwann hat man nämlich keine Lust mehr, sich sein Leben vom Diabetes vorschreiben zu lassen - der Diabetes muss sich auch ein Stück weit in den Familienalltag einfügen. Man kann sich auch immer verrückt machen, wenn man tagelang nur hohe Werte misst, trotz genauer Berechnung und konsequentem Korrigieren. Dann ist es halt im Moment so! Wenn die Werte nur auf die Ernährung zurückzuführen wären, wäre es wohl um Vieles einfacher, aber nachdem die Krankheit Diabetes so komplex ist, kann man nicht alles im Griff haben. Und: Im Mittelpunkt steht für uns einfach ein glückliches, unbeschwertes Kind bzw. zwischenzeitlich ein glücklicher, unbeschwerter Teenager! Ob der HbA1c nun bei 6,8 oder 7,8 % liegt, sollte nicht im Vordergrund stehen. Man muss versuchen, die Balance zu finden zwischen berechtigter Sorge und übertriebenem Einsatz. Wenn beide Elternteile berufstätig sind, kann man nicht 24 Stunden nur für das Kind da sein. Da muss man auch loslassen lernen und das Kind seinem „Schutzengel“ überlassen. Die Krankheit wird uns immer wieder fordern und auch zur Verzweiflung treiben, aber nach jedem Regen kommt auch wieder Sonne.
Unser Sohn ist nun am Ende der siebten Klasse eines Gymnasiums und in seiner Klasse wissen bis heute nur die engsten Freunde vom Diabetes. Lehrer sind oft überrascht, wenn wir ihnen davon erzählen. Auch da kann man geteilter Meinung sein, ob das Kind offener damit umgehen sollte oder nicht. Wir haben uns entschieden, dies unserem Sohn zu überlassen, auch wenn wir es aus Elternsicht lieber sehen würden, wenn jeder Bescheid wüsste. Aber: es ist seine Krankheit und er muss mit ihr und den Konsequenzen daraus leben.
Auch unsere Hoffnung ist es, dass unser Kind eines Tages vielleicht nur noch eine Tablette schlucken muss. Wir sind zuversichtlich. Unsere Kinder sind jung und haben ihr Leben noch vor sich. Auch mit Diabetes ist es ein lohnenswertes Leben, welches noch jede Menge Überraschungen bereithält. In diesem Sinne wünsche ich allen Eltern ganz viel Kraft und die nötige Gelassenheit, um mit der Krankheit zu leben und sie nicht zum Lebensmittelpunkt werden zu lassen. (D. Kirst)
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