Erfahrungsbericht von Klaus Fiedler
Mit kochendem Wasser musste meine Mutter ihre Mehrwegspritzen und Spritzbesteck sterilisieren. Blutzuckerselbstkontrolle war nicht möglich - für uns heute unvorstellbar. Mein erbliches Risiko, auch an Diabetes zu erkranken, war für mich klar. Deshalb ließ ich regelmäßig den Zucker bestimmen, aber es wurde konkret nie ein Diabetes diagnostiziert - auch dann nicht, als sich bereits Schmerzen und Missempfindungen an den Beinen einstellten. Man untersuchte und behandelte dies mit Infusionen, aber eine Aufklärung und Schulung zum Diabetes erfolgte nicht. Meine Fragen nach dem Blutzuckerwert beantwortete man mir immer mit „fast normal“. Von einem Blutzuckerlangzeitwert habe ich nichts erfahren.
Erst beim Besuch einer Info-Veranstaltung des Diabetikerbundes und der Selbsthilfegruppe Wunsiedel erfuhr ich vom HbA1c-Wert und seiner Bedeutung. An einem Info-Stand ließ ich den aktuellen Blutzucker- und HbA1c-Wert messen. Da war sofort klar: Der Blutzuckerwert war, wie auch bei den früheren ärztlichen Untersuchungen im „Normalbereich“, der Langzeitwert allerdings wesentlich erhöht und damit die Diagnose gestellt. Nach einer umfangreichen Beratung und Information über Diabetes und dessen Behandlungsmöglichkeiten wurde mir empfohlen, mich an eine diabetologische Facharztpraxis zu wenden. Erst hier erhielt ich Gewissheit: Ich bin Diabetiker - höchstwahrscheinlich schon viele Jahre!
Nach intensiver Schulung, minimaler Änderung der Ess- und Lebensgewohnheiten und einer medikamentösen Therapie mit Rosiglitazon konnte der HbA1c schnell unter 8 % gesenkt werden. Zusätzlich mit Metformin sank er dauerhaft unter 7 %. Dies war mir allerdings nur mit sehr umfangreichen und kostspieligen Blutzuckerselbstkontrollen möglich. Mit konsequenter Anpassung meiner Ess- und Lebensgewohnheiten ist es mir gelungen, den HbA1c jahrelang bei ca 6,5 % zu halten.
2006 war ich wegen eines Erysipels im Gesicht zur stationären Behandlung in einer Hautklinik. Die Erkrankung wurde mit Antibiotika behandelt, was bei mir aufgrund einer Arzneimittelunverträglichkeit ein Exanthem verursachte, das mit Kortison behandelt werden musste. Durch das Kortison hatte ich sehr hohe Blutzuckerwerte, die mit Tabletten nicht mehr beherrschbar waren. Deshalb musste ich Insulin (kurzwirksames Analog-Insulin) spritzen. Trotzdem gelang es nicht, Blutzuckerspitzen zu vermeiden und den HbA1c unter 7 zu halten. Erst nachdem das Kortison abgesetzt werden konnte, verbesserte sich die Situation. Mit diesen Kurzzeitinsulin erreichte ich wieder einen HbA1c von 6,5 % und konnte ihn auch halten. Auch das war nur mit konsequenter Selbstkontrolle und Anpassung meiner Ess- und Lebensgewohnheiten möglich. Blutzuckerspitzen über 150 sind allerdings nicht vollkommen zu vermeiden.
Seit ca. 15 Jahren ist bei mir eine leichte Blutdruckerhöhung bekannt und medikamentös eingestellt. Meine Blutdruckwerte waren seitdem im Normbereich und wurden regelmäßig mit Langzeitmessungen kontrolliert. Vor 3 Jahren konnte ich auch ganz ohne Medikamente meine Blutdruckwerte im Normalbereich halten. Langjährige Mittelwerte der 24-Stunden-Langzeitmessungen lagen bei 120/80 mmHg. Leider muss ich seit einigen Monaten wieder Medikamente einnehmen.
Als Fazit des bisherigen Verlaufs meines Diabetes kann ich eindeutig feststellen:
Ohne konsequente Selbstkontrolle, Eigeninitiative und Selbstbeherrschung, Schulung und Information, fachliche ärztliche Unterstützung ist eine effektive Behandlung des Diabetes nicht möglich!
Für mich persönlich bleiben trotzdem viele Fragen und Wünsche offen:
- Welcher HbA1c sollte angestrebt werden?
- Welche Blutzuckerspitzen sind unschädlich bzw. tolerierbar?
- Welche Zusammenhänge des Diabetes mit anderen Erkrankungen bestehen?
- Ist Heilung möglich?
- Die Selbstkontrolle muss stärker gefördert werden, auch finanziell.
- Bessere Aufklärung in allen Bereichen
- Frühzeitige Diagnosemöglichkeit, z.B. Screening-Tests
- Bessere Vernetzung der medizinischen Versorgung in allen Fachbereichen
Eine wichtige Hilfe waren für mich die Informationen durch den Diabetikerbund und das Diabetes Journal. Vor allem aber den Selbsthilfegruppen gebührt mein Dank für ihre Arbeit und Unterstützung. Mit dem gebotenen informativen Erfahrungsaustausch sind sie ein wichtiges Bindeglied und Mittel zur Selbsthilfe!

