Bis Ende letzten Jahres standen die Krankenkassen in direkter Konkurrenz, jede Krankenkasse legte ihren Beitragssatz selbst fest und musste damit haushalten. Auch schon damals gab es einen gemeinsamen Topf, in den Krankenkassen mit wenig chronisch Kranken einzahlten und Kassen mit vielen solchen Mitgliedern Ausgleich dafür erhielten. Auch für in DMPs eingeschriebene Mitglieder gab es mehr Geld, weshalb die Kassen mit allen Mitteln dafür warben.
Zum 1.1.09 wurde dann der Gesundheitsfonds eingeführt. Seither gilt ein einheitlicher Beitragssatz für alle Krankenkassen. Alle Beiträge wandern in den gemeinsamen Topf, hieraus erhalten die Krankenkassen nach Anzahl der Mitglieder Geld. Um auch hier einen Ausgleich für Kassen mit vielen chronisch Krankenund damit kostenintensiven Mitgliedern zu schaffen, wurde der Morbi-RSA (Morbiditäts-Risikostrukturausgleich) eingeführt. Hier sind die 80 teuersten Diagnosen aufgeführt. Für jedes Mitglied, für das eine solche Diagnose codiert wird, erhält die Krankenkasse mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds - auf den ersten Blick eine gute Lösung, aber was passierte dann?
Den Krankenkassen muss nun viel daran liegen, dass Ärzte die Krankheiten codieren. Um hier einen Anreiz zu schaffen – schließlich kostet der Papierkram Zeit - setzten manche Kassen Prämien für die Diagnosestellung und –dokumentation aus. Laut Norbert Klusen, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, sei ein regelrechter Wettbewerb entbrannt, möglichst viele Krankheiten zu dokumentieren. Er warnt deshalb: „Deutschland droht auf dem Papier zum Land der Kranken zu werden.“
Klar ist: Für einen Patienten mit diagnostizierter Krankheit gibt es für Kassen und Ärzte mehr Geld, als für einen Menschen, der gerade auf der Kippe steht und mit Lebensstiländerungen das Ruder noch rumreißen könnte, wenn er die richtige Unterstützung erhielte – aber hierzu ist 1. mehr Zeit nötig und 2. kostet es Geld. Aber: die Kasse bekommt weniger für ihn als wenn er schon die entsprechende Diagnose aufweisen würde – kann das so gewollt sein!?!
Deshalb: War bis 2008 das Wunschmitglied der Krankenkassen jung und gesund, sieht es jetzt anders aus: Krank sollen sie sein, die Neumitglieder, zumindest was die 80 Morbi-RSA-Diagnosen angeht, denn dann gibt es mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds - verrückte Welt?!?
Meiner Meinung nach ist diese Weichenstellung grundsätzlich falsch. Der gesunde Menschenverstand weist in eine andere Richtung – richtig wäre Vorfahrt für Prävention und wirkliche Unterstützung für den Fast-Patienten, damit er jetzt keiner wird! Das sind die Pfeiler, auf die wir bauen müssen, sollen die Kosten nicht in Zukunft unbezahlbar sein! Hierzu müsste es finanzielle Anreize für Ärzte geben! Gesundheit ist das unbedingte Ziel! Langfristig gesehen – und genau das ist der Punkt - ist das für uns alle das Beste. Vielleicht sollten wir das alte China ein bisschen zum Vorbild nehmen – dort bekam der Arzt nur Geld, solange der Patient gesund war!
Es zählt die langfristige Denkweise, nicht das Holpern und Stolpern von Wahl zu Wahl. Hier geht es nicht um Macht und Machterhalt sondern um die Menschen und deren höchsten Gut – der Gesundheit! Das sollten sich die Herren und Damen Politiker, die sich so etwas ausdenken, mal wirklich bewusst machen. Der kleine Bürger versteht das, nur die großen Entscheider, die eigentlich unsere Vertreter sind - „Alle Macht geht vom Volke aus“ - , sind losgelassen und ohne wirklich durchdachtes Konzept. Ausbaden müssen es wieder wir.
Liebe Mitglieder, den Kopf in den Sand stecken nutzt nichts, auch wenn man hierüber schon fast verzweifeln mag. Es hilft nur zusammenhalten und gemeinsam für ein vernünftiges System zu kämpfen. Alle, die wir noch mit ins Boot holen können, stärken uns.
Was auch immer bei der Bundestagswahl heraus kommen mag, es wird etwas anderes sein als heute. Hoffen wir, auf einige weise Mitglieder an richtiger Position, damit die Probleme endlich mit Weitsicht und Umsicht angegangen und gelöst werden können.
Ihre Marion Köstlmeier
