Berichte

Die Apotheke nebenan – wichtig für uns alle

Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr – durch die wechselseitigen Notdienste ist immer eine Apotheke im näheren Umkreis für uns Patienten dienstbereit. Unter der ständig besetzten kostenfreien Rufnummer 0 800 - 228 228 0 können Sie die nächstgelegene Notdienst-Apotheke erfragen und sogar mit ihr verbunden werden. Seit einiger Zeit erhalten die örtlichen Apotheken Konkurrenz von Versandapotheken und nun auch noch Drogerieketten. Der Diabetikerbund Bayern sieht dies sehr kritisch und bekennt sich hier eindeutig zu den örtlichen Apotheken, denn nur sie können eine lückenlose Versorgung in hoher Qualität gewährleisten.

Warum und wie Sie von Ihrer örtlichen Apotheke profitieren und ihr deshalb treu bleiben sollten, haben wir Dr. Hans-Peter Hubmann, den 1. Vorsitzenden des BAV, Bayerischer Apothekerverband e.V., gefragt:

Was sind die Vorteile für Patienten, wenn sie sich an die örtliche Apotheke wenden, anstatt bei Versandhandel oder über Drogeriemärkte zu bestellen?

Hubmann: Die Vorteile liegen auf der Hand. Das geht schon mal damit los, dass der Patient sein Medikament sofort erhält, oder mit nur wenig Wartezeit. Die Einnahme eines Antibiotikums nützt nach drei Tagen Versandzeit nichts mehr. Auch das Kopfweh wollen Sie gleich los werden, nicht erst, wenn das Päckchen mit der Post kommt. Wer sagt Ihnen außerdem, wie Sie ein Medikament einnehmen müssen? Welche Wechselwirkungen es mit anderen Arzneimitteln oder Lebensmitteln gibt? Die persönliche Ansprache und Beratung ist unerlässlich. Wir haben es schließlich nicht mit Gummibärchen zu tun.

Warum sollten gerade Diabetiker zur örtlichen Apotheke gehen, wo es doch im Versandhandel billiger ist bzw. Vergünstigungen gibt?

Hubmann: Da wird vieles verfälscht dargestellt. Grundsätzlich gilt: Rezeptpflichtige Arzneimittel, also auch Insulin, unterliegen Festpreisen. Das ist gesetzlich geregelt. Daran haben sich in Deutschland sowohl öffentliche Apotheken, als auch der Versandhandel zu halten. Da kann es Ihnen als Patient egal sein, ob Sie sich das Medikament beim Versandhändler in Hamburg bestellen, oder in der öffentlichen Apotheke in München holen. Für den Geldbeutel spielt das keine Rolle. Freie Preisgestaltung gibt es nur bei den rezeptfreien Arzneimitteln.

Das ist außerdem eine Frage des fairen Umgangs miteinander. Wenn Ihnen am Samstagabend der Insulin-Pen kaputt geht, dann brauchen Sie gleich einen neuen. Bestellen Sie den dann auch beim Versand und warten bis Dienstag? Oder holen Sie sich den bei der Notdienst-Apotheke? Wir wünschen uns hier eine echte Partnerschaft mit den Kunden.

Was sind die Risiken für Patienten, die ihre freiverkäuflichen oder gar rezeptpflichtigen Medikamente aus anderer Quelle besorgen?

Hubmann: Ihr Stammapotheker weiß, welche Medikamente Sie sonst noch nehmen und wo es Wechselwirkungen gibt. Selbst wenn Sie sich mal ein Mittel woanders besorgen, dann sollten Sie Ihren Apotheker informieren. Er kann Ihnen dann sagen, worauf Sie achten müssen. Ein Beispiel: Das freiverkäufliche Johanniskraut-Präparat aus dem Drogeriemarkt kann schnell die Wirkung der Anti-Baby-Pille herabsetzen. Das wird Ihnen in der Drogerie aber niemand sagen. Ihr Apotheker kann das. Im Internet oder der Drogerie ist es auch egal, ob Sie sich vielleicht ein leichtes Erkältungsmittel kaufen, obwohl schon eine echte Grippe im Anmarsch ist. Nicht zu unterschätzen ist auch die Nachfrage, für wen das Medikament eigentlich bestimmt ist. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen in meiner Apotheke Aspirin wollen. Bei der Nachfrage erfahre ich dann, dass die Tabletten für das Kind sein sollen, dann halt in halber Dosierung. Da nützt es aber wenig, die Tablette zu halbieren, nur weil das Kind kleiner ist. Der Wirkstoff an sich ist überhaupt nicht für den Organismus von Kindern gedacht, das kann gefährlich werden. Der Apotheker kann hier gezielt auf Sie eingehen. Ein weiteres Problem stellen wir im Internet immer wieder fest: Seriöse Versandhändler sind von unseriösen kaum zu unterscheiden. Ein Qualitätssiegel sagt gar nichts aus. Das kann schnell gefälscht werden, wie Praxistests gezeigt haben. Und bei den unseriösen Versandhändlern ist die Gefahr groß, an Arzneimittelfälschungen zu geraten.

Was können die örtlichen Apotheken dem Versandhandel entgegen setzen?

Hubmann: Ortsnähe, Schnelligkeit und Service. Nicht umsonst stehen deutsche Apotheken an der Spitze bei der Kundenzufriedenheit, wie der letzte Allensbach- Dienstleistungs-Index gezeigt hat. Apotheken machen Notdienst, stellen individuelle Rezepturen her, bieten Lieferservice bis ans häusliche Krankenbett und sind in vielen Orten auch soziale Drehscheibe. Um es salopp zu sagen: Hier menschelt es noch. Die Stärke der Apotheke liegt doch ganz klar in der persönlichen Nähe und Beratung. Außerdem kann sich nur die öffentliche Apotheke individuell auf die Bedürfnisse ihrer Kunden einstellen. Das beginnt schon damit, dass der Apotheker seine Kunden mit Namen begrüßen kann. Ein Versandhändler muss alles pauschal und unpersönlich machen. Eine Dienstleistung kann da nicht maßgeschneidert sein. Und das sollte sie sein, es geht schließlich um die Betreuung kranker Menschen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Apotheken bei den derzeitigen Entwicklungen und Weichenstellungen?

Hubmann: Ganz klar in Richtung selbstständiger Heilberuf. Ich warne eindringlich davor, dass Apotheken Teil der Handelskette werden, also bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln in die Preispolitik eingebunden werden. Pro Arzneimittelpackung, die wir auf Rezept abgeben, erhalten wir ein Fixum von knapp 6 Euro. So ist es gesetzlich festgelegt. Wir sind abgekoppelt vom Preis und damit unabhängig von irgendwelchen Konzernvorgaben und frei in der Beratung. Umso wichtiger ist es, unsere Fähigkeiten und Kompetenzen einzusetzen. Und das geht nur über die Qualität. Hier sind Apotheker dank ihrer Ausbildung unschlagbar. Es muss auch klar sein, dass Arzneimittel ein Gut der besonderen Art sind. Hier die Regeln des freien Marktes unkontrolliert gelten zu lassen wäre ein riskantes Spiel. Da geht es um hochwirksame Substanzen, die teilweise massiv ins Körpergeschehen eingreifen. Ein kranker Mensch entscheidet schließlich nicht nach Lust und Laune, welches Medikament er gerade einnehmen will.

Wo liegen Probleme, wo Chancen?

Hubmann: Man kann nicht voraussagen, welche Entscheidungen in der Gesundheitspolitik getroffen werden. Von heute auf morgen kann sich schnell vieles ändern. Das stellt uns Apotheker oft vor Probleme bei der langfristigen Planung. Chancen sehe ich ganz klar in der Qualität unserer Leistung, in der Flächendeckung und in der Nähe zu unseren Kunden. Das müssen wir festigen und ausbauen.

Wie können wir uns – Apotheke und Selbsthilfe - gegenseitig unterstützen?

Hubmann: Die Zusammenarbeit zwischen Selbsthilfegruppen und Apothekern ist für beide Seiten gewinnbringend und läuft sehr gut, wie gemeinsame Projekte immer wieder beweisen. Uns Apothekern kommt eine besondere Bedeutung zu, wenn es darum geht, Patienten an die geeigneten Selbsthilfegruppen zu vermitteln, haben wir doch tagtäglich persönlichen Kontakt mit ihnen. Selbsthilfegruppen nutzen gerne die Apotheke als niedrigschwellige Anlaufstelle. Über den gezielten Kontakt zu den Gruppen haben Apotheker die Möglichkeit, als kompetente Ansprechpartner ihre Fähigkeiten und ihr Wissen einzubringen. Somit ergänzen sich Selbsthilfegruppen und Apotheker und schaffen gemeinsam mehr Lebensqualität für Kranke.

Die Fragen stellte Marion Köstlmeier.

Hans-Peter Hubmann