Berichte

„Wir müssen auf nichts verzichten!“

Petra, Josef und Kathrin Hochmuth aus Regenstauf bei Regensburg

Wir veröffentlichen hier einen Teil des Artikels „Ihr Kind hat Diabetes“ aus ELTERN family, Heft 3/2010, <link http: www.elternfamily.de>www.elternfamily.de . Herzlichen Dank an die Redaktion für die Genehmigung. Zum Hintergrund: Der Kontakt zur interviewten Familie Hochmuth kam über den Diabetikerbund Bayern zustande.

Der Vater: Josef, 53 Jahre

„In den Osterferien fahren wir wieder in den Ski-Urlaub, und dieses Mal freuen wir uns besonders drauf, weil Kathrin vor Kurzem eine ganz moderne Insulinpumpe bekommen hat. Sie muss damit nicht – wie noch letztes Jahr – fast jede Stunde eine Hütte anfahren, Skier abschnallen und sich mühsam aus Anorak, Pullover und Unterwäsche schälen, um Insulin abzugeben. Das geht jetzt alles ferngesteuert – mitten auf der Skipiste. Blutzuckermessgerät und Insulinpumpe kommunizieren via Bluetooth in beide Richtungen miteinander (siehe dazu auch den Kasten auf Seite 104). Kathrin muss nur noch regelmäßig ihre Zuckerwerte messen.

Als der Arzt vor fünf Jahren eine Insulinpumpe für Kathrin empfohlen hat, war ich sehr skeptisch. Meine Tochter soll Tag und Nacht mit so einem Gerät um den Bauch herumlaufen? Und immer liegt eine Nadel unter ihrer Haut? Was passiert, wenn die Elektronik streikt? Überzeugt hat mich dann ein achtjähriges Mädchen, das wir in unserer Selbsthilfegruppe kennengelernt haben. Die ist mit ihrer Pumpe umgegangen, als hätte sie nie ohne dieses Ding gelebt. Und das ist bei Kathrin jetzt auch fast so.“

Die Mutter: Petra,43 Jahre

„Wir hätten von Anfang an lockerer sein können. Es hat sich alles super eingespielt. Aber das wusste ich damals ja noch nicht. Kathrin war erst vier, als sie die Diagnose bekam. Von einer Sekunde auf die andere war unsere Unbeschwertheit weg. Von da an drehte sich alles nur noch um Messen, Spritzen, Essen. Mir hat es Halt gegeben, hundertprozentig zu befolgen, was wir in den Schulungen gelernt hatten. In den ersten Jahren habe ich restlos alles, was Kathrin zu essen bekommen sollte, aufs Gramm genau abgewogen – auch ins Restaurant sind wir nicht ohne Waage gegangen. Und wenn Kathrin zum Kindergeburtstag eingeladen war, habe ich ihr ein exakt abgewogenes Stück Kuchen eingepackt. Sogar nachts um drei Uhr sind wir aufgestanden, um Kathrins Blutzucker zu messen.

Obwohl wir so aufgepasst haben, waren Kathrins Blutzuckerwerte oft chaotisch. Dafür konnten wir nichts, das haben uns die Ärzte versichert. Es gibt eben Kinder, da ist das so. Der Rat, Kathrin die Pumpe zu geben, hat unser Leben sehr erleichtert.

Bisher haben wir nur wenige Pannen erlebt, eine passierte ausgerechnet an dem Wochenende, an dem mein Mann und ich endlich mal nach Jahren in ein Wellness-Hotel gefahren waren. Wir hatten es uns gerade gemütlich gemacht, da kam der Anruf von Kathrins Tante, dass die Pumpe nicht mehr funktioniert. Also sind wir auf der Stelle wieder heim!

Aber ansonsten sind wir mit der Zeit immer besser zurechtgekommen. Von allen Seiten haben wir viel Unterstützung bekommen, zum Beispiel von Kathrins Erzieherin: Damit Kathrin beim ,Übernachten im Kindergarten‘ dabei sein kann, hat sie eine Diabetes-Schulung gemacht und sogar das Spritzen geübt. Auch die Eltern von Kathrins Freundinnen waren toll. Sie haben Bücher gewälzt, damit sie verstehen, was für eine Krankheit Kathrin hat. Und alle haben sich eine Küchenwaage angeschafft, damit unsere Tochter bei ihnen essen kann.“

Die Tochter: Kathrin, 11 Jahre

„Dass ich Diabetes habe, merken viele gar nicht. Ich kann alles mitmachen.

Auch im Schullandheim bin ich dabei. Manche denken, ich schreibe eine SMS, wenn ich meine Pumpe einstelle. Das muss ich zum Beispiel machen, wenn es den leckeren Kakao in der Schule gibt oder wenn ich Lust auf süßes Obst habe. Vor Tischtennis und Volleyball brauche ich weniger Insulin als sonst, am allerwenigsten brauche ich vorm Trampolinspringen. In der Schule habe ich ein Schließfach, da sind mein Messgerät, Tupfer, Katheter und Batterien für die Pumpe drin. Neulich ist mir auf dem Schulweg ein bisschen schlecht geworden. Ich musste stehen bleiben und Traubenzucker essen. Da hat mein Bruder meinen Schulkoffer nach Hause getragen, das würde er sonst nie machen.“