Berichte

Bergwelt der Anden Bis zum zweithöchsten Berg Amerikas, Ojos de salados, 6.891 m

Erlebnis- und Erfahrungsbericht von Karl-Heinz Rasch (seit 40 Jahren insulinpflichtiger Diabetiker), © Fotos und Bericht: Karl-Heinz Rasch

Nachdem ich in den letzten Jahren auf einigen Drei- und Viertausendern der Alpen unterwegs sein durfte, beschlossen meine drei Bergfreunde und ich, die Anden in Chile und Bolivien zu besuchen und dort im Herbst einige Fünf- und Sechstausender zu besteigen.

Da ich mit meinem Diabetes noch keine solch hohen Berge bestiegen hatte, suchte ich nach Erfahrungen anderer Betroffener. Vom Extrembergsteiger Geri Winkler aus Wien erhielt ich eine 54-seitige Broschüre „Sieben Welten - Seven Summits: Erfahrungen eines Diabetikers“. Daneben nutzte ich auch die „Diabetes- und Sportfibel“ von Ulrike Thurm und Bernhard Gehr. Mit beiden Quellen bereitete ich mich gezielt vor. Vor Ort profitierte ich von diesem Wissen – ich wollte meine hoch gesteckten Ziele möglichst erreichen.

Eine große Unsicherheit war das Blutzuckergerät. Es gibt wenige, die schon auf 5.000 m NN auf Funktionalität geprüft wurden. Doch bei fast 7.000 m NN fand ich keine offiziellen Freigaben für Blutzuckermessgeräte. Nun besorgte ich das „Breeze 2“, mit dem Geri Winkler schon positive Erfahrungen gemacht hat. (Er bestieg alle Seven Summits der Erde!) Hier lege ich eine 10er Sensorenscheibe ein und bereite den Streifen mit einer manuellen Zug- und Schubbewegung zum Messen vor. Dies war bei eiskalten Temperaturen und kalten Stürmen eine zuverlässige, sehr schnelle und unverzichtbare Möglichkeit der Blutzuckermessung. Für die frostfreie Aufbewahrung und das Tragen der Insulinpens und Teststreifen für vier Wochen ließ ich mir einen großen Brustbeutel mit drei Fächern nähen. Bei den Übernachtungen in Zelten (bis auf 5.700 m) nahm ich den Brustbeutel mit in den Daunenschlafsack.

Als „Riegel“ verwendete ich meist Haselnußschnitten, die ich in ausreichender Menge dabei hatte – sie waren auch bei Kälte noch gut zu kauen. Als schnellwirksame Not-BEs hatte ich meine bewährten „Sponser – Liquid Energy plus“ dabei. Als Nahrungsmittel wurde gegessen, was auf den Tisch kam, vor allem Weißbrotfladen.

Als zusätzlichen Kälteschutz zu den Alpentouren kaufte oder lieh ich mir einen Daunenschlafsack, Daunenjacke, warme Überzieh-Handschuhe und einen mehrschichtig gefütterten Hochtourenschuh mit Goretex. Neben deutlichen Minustemperaturen und starken Winden bewegten wir uns über 6.000 Meter mehrere Stunden auf Büßereis.

Am 25. Oktober flog ich mit Gise, Karl und Birgit über Atlanta nach Santiago und weiter nach Arica in den Norden Chiles. Von Meereshöhe wurden wir in drei Stunden auf 3.500 m NN nach Putre in ein ländliches Hotel gefahren. Jede schnelle Bewegung oder Binden des Bergschuhs beschleunigte den Herzschlag und die Atmung. Bei flottem Gehen über ein bis zwei Kilometer konnte man dazu noch Kopfweh bekommen. Das Schlafen klappte anfangs auch sehr schlecht. Die ersten Tage machten wir Wanderungen mit zunehmenden Höhen von 3.800 m bis über 5.000 m.

Nun folgte eine Übernachtung im Conaf Refugio auf 4.700 m, wo wir sehr zutrauliche Bergviscachas (Schwanzhasen) antrafen. Von hier stiegen wir auf 5.000 m hoch und am übernächsten Tag auf den Guallatire, den ersten Sechstausender dieser Reise, der noch dicke Schwefeldämpfe ausstößt. Am selben Tag fuhren wir mit dem Geländewagen über die Grenze nach Bolivien ins Dorf Sajama (4.600 m), wo wir eine gute Woche verbrachten. In jeweils ein bis zwei Fahrstunden erreichten wir vom Dorf aus die Startposition, um auf den Acotango (6.080 m) und den Parinacota (6.348 m) zu steigen. Nach Lavasand und Lavagestein mussten wir öfters Büßereisflächen mit bis zu 1,40 m hohen Penitentes (Eisgebilde) durchqueren und übersteigen, um die Gipfel erreichen zu können. Wenn wir gar nicht mehr weiter kamen, schlug unser Bergführer einige Eisspitzen ab, damit der Weg passierbar wurde. Bergab konnten wir auf dem eisfreien Gelände oft auf Lavasand oder mehr oder weniger feinem Geröll „abfahren“, das verkürzte die Abstiegszeit um zwei Drittel. Meist erreichten wir am frühen Vormittag das Auto und gegen Mittag das Dorf, wo wir mit einer kräftigen Gemüse- oder Nudelsuppe empfangen und belohnt wurden.

Kopfschmerzen war bei mir nur selten ein Thema, doch nach dem flotten bergab, blieb ein kräftiger Druck unter der Schädeldecke übrig. Nach dem Trinken und „Abliegen“ verschwand diese Unannehmlichkeit bald. Auch geringe Alkoholmengen einen Tag vor den Hochtouren begünstigten die Kopfschmerzen bei mir. Appetitlosigkeit und Übelkeit habe ich nicht erfahren.

Bei Kohlenhydraten hatte ich einen deutlich geringeren Verbrauch als bei Touren im Alpengebiet. Ich brauchte ein Drittel bis die Hälfte weniger Sport BE`s. Ich erkläre mir dies damit, dass der Zuckerverbrauch der Muskulatur pro Stunde geringer ist, wenn ich nur sehr langsam die Berge hochgehen kann. Nach einem Ruhetag starten wir mit dem Geländewagen und großem Gepäck zum Ausgangspunkt auf dem Weg ins Basislager. Dort erwartete uns ein Eseltreiber mit seinen zwei Tragetieren. Er trug Proviant, Zelte, Matten und Schlafsäcke, die an unseren Rucksäcken keinen Platz mehr hatten. Unsere Gehzeit waren gute zwei Stunden bei frühlinghaften 20 Grad. Nach Aufbau der Zelte bereitete unsere Köchin Franziska Tee und Kaffee im Kochzelt zu. Bei Einbruch der Dunkelheit aßen wir mit Stirnlampen und auf Steinen sitzend das auf einem primitiven Gaskocher zubereitete Abendessen. Eine Stunde später schlüpften wir in die Daunenschlafsäcke in unseren Zweimannzelten.

Am nächsten Tag zogen wir wie die Nomaden weiter, um auf 5.700 m unser Hochlager aufzubauen. Wir mussten geschickt und schnell arbeiten, damit der starke Wind nicht unsere Zelte davon trug. Die kommende Nacht ist jedem von uns in Erinnerung geblieben: die andauernden Böen legten das Küchenzelt flach und hinderten uns an einen erholsamen Schlaf. So starteten wir nachts um vier Uhr nach einem sehr einfachen zehn-Minuten-Lunchpaket-Frühstück, das wir im Zelt halb liegend und während des Anziehens eingenommen hatten.

Mit Stirnlampen, zwei Paar Handschuhen und Steigeisen bestückt, „keuchten“ wir die nächsten sechs Stunden über Felsgelände und Büßereis zum Gipfelplateau des Sajamas. Je näher der Gipfel kam, desto mehr Pausen mussten wir einlegen. Meinen Blutzucker musste ich auf fast jedem Gipfel mit zwei bis drei Einheiten Humalog wieder anpassen. Das Messgerät hat mich nie im Stich gelassen und die Werte der Messungen schienen zu passen. Der Abstieg ging wieder leichter und schneller – um zwölf Uhr konnten wir uns bei Nudelsuppe von Franziska im Küchenzelt stärken. Um 15 Uhr im Basislager angekommen, erholten wir uns um 17 Uhr schon wieder in den heißen Quellen des Dorfes.

Am nächsten Tag brachen wir zur Atacama-Wüste auf, um den zweithöchsten Berg Amerikas, den Ojos de salados, zu besteigen. Nach zwölf-stündiger Fernbus-Fahrt, wurden wir vier von einem Bergführer mit dem Geländewagen durch die Wüste zum Basislager gefahren. Mit unserem kompletten Gepäck, zusätzlich noch Trinkwasser und Nahrungsmittel, stiegen wir zum Container des Hochlagers auf 5.750 m, auf. Leider mussten wir fünf uns nachts mit fünf Quadratmetern Schlafplatz auf dem Boden zufrieden geben. Wegen der Enge und der Hochlage machte sich die folgende Nacht durch Kopfweh und Schlafentzug deutlich bemerkbar. Dem zufolge fühlten wir uns morgens um vier vor dem Start schon völlig gerädert und nicht besonders leistungsfreudig. Es lagen nun 1.100 Meter Aufstieg über Felsstufen, Geröll, Penitentes und zuletzt eine versicherte Kletterei Grad II vor uns. Dazu kamen noch die Minustemperaturen und der Wind, der die Kälte nochmals unangenehmer machte. Hier hatten wir alle Register zum Kälteschutz mit doppelten Handschuhen, Mütze und Gesichtsschutz, drei Lagen Kleidung plus Daunenjacke und gefütterten Goretex-Hochtourenschuhe, gezogen. Ganze sieben Stunden schleppten wir uns sehr langsam und mit vielen „Verschnaufpausen“ die 1.100 Höhenmeter hoch, bis wir „unseren“ Ojos de salado erreicht hatten. Wir waren sehr müde durch die sauerstoffarme Luft, aber auch super glücklich. Ich hatte meine persönlich beste Höhe um 2.400 Meter steigern können. Wow! Auch das warm gehaltene BZ-Messgerät funktionierte noch einwandfrei und zeigte mir den „sicheren Wert“ von 240 mg/dl an. Mit 3 I.E. appliziertem Humalog und einer Genuss-Schoko-Waffel mit zwei BE setzten wir uns talwärts in Bewegung und erreichten in zwei Stunden das Hochlager und nach weiteren 60 Minuten unser Auto am Basislager.

Wir hatten noch fünf Reservetage, die wir am Pazifik in Val Vino`, Val Paraiso und in Santiago verbrachten. Der 27-stündige Rückflug mit Aufenthalt in Atlanta und einer Zeitrückstellung von sechs Stunden meisterte ich ohne spürbaren Jetlag und ohne wesentliche Blutzuckerproblemen.

Zusammenfassend möchte ich sagen: Mit den intensiven Vorbereitungen klappte alles noch deutlich besser, als ich erwartet hatte. Das gilt sowohl Blutzucker-technisch, als auch für Höhenanpassung und Höhenverträglichkeit. Den Willen, etwas Neues und Anstrengenderes durchführen zu wollen, muss jeder selbst entwickeln und daran intensiv arbeiten. Ich wünsche jedem Nachahmer ebenfalls gutes Gelingen und vor allem viel Freude und Spaß dabei.