Im Diabetes Ratgeber vom April 2011 las ich einen interessanten Bericht über die österreichische Bundesministerin der Justiz Claudia Bandion-Ortner. Sie ist seit 18 Jahren an Typ-1-Diabetes erkrankt und geht offen damit um – sie hat sich nicht erst jetzt im hohen Amt geoutet, sondern sie gelangte trotz ihrer Offenheit an diese Stelle.
Ich stellte mir sofort die Frage, ob dies in Deutschland auch so möglich gewesen wäre, denn mein Eindruck ist eher, dass sich bei uns Diabetiker erst outen, wenn sie schon in hoher Position angekommen sind bzw. Erfolge erzielt haben bzw. wenn sie durch die Popularität und ihr Diabetiker-Sein Geld verdienen können! Gerade Letzteres ist ein Schlag in die Magengrube unserer vielen ehrenamtlich Aktiven im Landes- und Bundesverband, in Selbsthilfegruppen und Regionalverbänden – sie arbeiten unentgeltlich!
Warum aber outen sich bei uns nur erfolgreiche/prominente Diabetiker?
Ich habe dafür nur folgende Erklärung: Sie befürchten Nachteile bis hin zum Karriereknick bzw. Karriereaus, wenn die chronische Erkrankung bekannt würde. Immer noch wird jede chronische Erkrankung oder Behinderung welcher Art auch immer als Makel erlebt, nicht selten von Betroffenen selbst wie auch oft leider in der Gesellschaft! Das ist wohl immer noch eine Nachwirkung des sehr dunklen Kapitels in unserer Geschichte des 20. Jahrhunderts. Menschen, die nicht „vollkommen“ waren, wurden gemieden, aussortiert, gerne zwangssterilisiert und oft auch umgebracht – dabei war die verantwortliche Führungsmannschaft damals auch alles andere als vollkommen!
Erfolgreiche Menschen, die zu ihrer Erkrankung stehen, können allen Diabetikern, besonders den gerade neu erkrankten, für die erst einmal eine Welt einstürzt, viel Mut machen, trotz dieser Diagnose weiter an sich zu glauben, alte Ziele weiter zu verfolgen bzw. sich neue ehrgeizige Ziele zu setzen.
Es gibt eine Menge Typ-1-Diabetiker, die viel erreicht und geleistet haben: Oskar-Gewinner mit Typ-1-Diabetes (Halle Berry), Olympia-Sieger (Matthias Steiner, Gewichtsheber, oder Steven Redgrave, Ruderer), aber auch Hobby-Sportler und Abenteurer wie Gerry Winkler (Mount-Everest-Bezwinger) und Bastian Hauck, Segler - es gibt noch viele Beispiele.
Sie alle sind etwas Besonders und haben in Ihrem Spezial-Gebiet mehr geschafft, als es den meisten Gesunden möglich wäre.
Heute haben wir Hilfsmittel, Medikamente und Therapie-Optionen, die uns die dafür nötige Flexibilität erlauben. Die Kostenträger, der G-BA und Politiker kratzen an Vielem davon, weil sie in ihren Augen teurer Luxus sind – aber Diabetikern sichern sie die volle Teilhabe und Leistungsfähigkeit in dieser schnelllebigen Um- und Arbeitswelt. Deshalb ist es ungemein wichtig, in der Öffentlichkeit zu zeigen, zu welchen Leistungen Diabetiker dadurch fähig sind und dass diese Gelder keinesfalls unnötig ausgegeben wird, sondern als Beiträge/Steuern zurück ins System fließen bzw. da gespart werden, wo Folgeerkrankungen teuer werden, vom individuellen Leid ganz abgesehen!
Prominente und erfolgreiche Diabetiker: Werdet Mitglied in Eurem Landesverband, outet Euch und unterstützt die Selbsthilfe und Eure Mit-Diabetiker - gerne auch durch Präsenz auf Veranstaltungen!
Ihre Marion Köstlmeier

