Berichte Kinder & Jugend Stories

Flucht, Feier, Finderlohn

Nora in der Hundeschule © Dorothea Fading

Unsere kleine Ausreißerin © Dorothea Fading

„Wo ist eigentlich Nora?“ fragte mich mein Mann völlig entspannt kurz vor dem Abendessen. Es war ein sonniger Tag im September, der sechste Geburtstag unserer Zwillinge.

Ich hatte bereits einen stressigen Schultag sowie ein schönes Eisessen mit unseren drei jüngeren Kindern und meinen Eltern hinter mir. Nicht nur, dass alle Kinder dabei permanent und gleichzeitig auf mich eingeredet hatten - Korbi, befand nach dem Insulin-bolen für die 80 g Kohlenhydrate des ersten Rieseneisbechers seines Lebens das Eis zu kalt (!) und nicht lecker: Er löffelte, im Gegensatz zu seinen Brüdern, kaum etwas davon! Die Blutzuckerwerte sanken immer weiter und so eilte ich schleunigst zum nächstgelegenen Supermarkt, um die gewünschten Überraschungseier an Stelle des Eises zu besorgen.

Abends machte ich mich ans Werk, die ersten Muffins für den Kindergeburtstag am nächsten Tag zu backen. Gerade zauberte ich mühselig aus gelbem und blauem Rollfondant Minions-Gesichter auf die Schokomuffins – da war plötzlich Nora, unser neuer Hund, wie vom Erdboden verschluckt!

Seit wir Nora haben, trichtere ich allen Kindern - und selbstverständlich auch meinem Mann – täglich ein, Haus- und Garagentür unbedingt verschlossen zu halten, denn bei Nora herrscht, anders als bei unseren beiden Vorgängerhunden, stets „akute Fluchtgefahr“. Unsere Maremmanohündin hätte in den gesamten 14 Jahren kein einziges Mal auch nur in Erwägung gezogen, unser Grundstück unbefugt zu verlassen! Als ich an diesem Abend zahlreiche Passanten gefragt hatte, ob ihnen ein junger schwarzer Hund begegnet sei, musste ich zu meinem Schrecken feststellen, dass der Hund in meiner Abwesen- und Bernhards Anwesenheit offenbar schon öfters das Weite gesucht hatte, dabei aber immer wieder von entfernteren Nachbarn zurückgebracht worden war.

Weder im Haus, noch im Garten oder der Garage war eine Spur von Nora zu finden! In verschiedene Richtungen begaben wir uns alle mit dem Rad auf Hundesuche.

Ich verfluchte innerlich meinen Mann, der seinem Auftrag, die Türen geschlossen zu halten, leider so überhaupt nicht nachgekommen war. Anstatt den Kindergeburtstag vorzubereiten, der noch viele Arbeitsstunden bedurfte, fuhr ich klopfenden Herzens im halben Ort herum und fragte jeden, ob er unseren Hund erblickt hätte. Unser Pfarrer enttäuschte mich schwer, als er anstelle irgendeiner empathischen Reaktion seine abendliche Radtour unbeeindruckt fortsetzte…

Die anderen befragten Eichenauer waren dagegen allesamt sehr freundlich und hilfsbereit, aber unseren Hund hatte in den letzten Stunden niemand gesehen.

Mein Herz raste immer schneller - es war mittlerweile bereits dunkel geworden und ich malte mir die schlimmsten Horrorszenarien aus. Da ich unsere Nora trotz intensiven Rufens und Suchens weder tot noch lebendig entdecken konnte, schöpfte ich Hoffnung. Vielleicht war sie schon gefunden und mitgenommen worden! So rief ich bangen Herzens unter der bekannten 110 bei der Polizei an.

„Guten Abend, mein Name ist Fading. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie für mein Problem zuständig sind, aber wir vermissen seit etwa zwei Stunden unseren jungen Hund.“, berichtete ich aufgelöst. Nachdem der Polizist meinen Namen und die Adresse notiert hatte, fragte er, ob unser Hund einem Labrador ähneln würde. Als ich freudig bejahte, wurde ich an die Germeringer Polizeidienststelle weitergeleitet.

Freude pur - gesund gefunden!

Diese konnte mir vermelden, dass ungefähr 90 Minuten zuvor eine Eichenauerin bei der Polizei angerufen und mitgeteilt hätte, dass ihr ein schwarzer Hund begeistert nachgelaufen wäre. Da er kein Namensschild oder ähnliches trug, hätte sie ihn nun zu sich nach Hause mitgenommen.

Wie ich später von der lieben Dame erfuhr, hatte sie eigentlich schon vorgehabt, Nora zur Polizei zu fahren, um ihren Chip auslesen zu lassen. Jedoch hatte sich Nora offenbar geweigert, in ihr Auto zu steigen, was uns einen deutlich kürzeren Abholweg bescherte.

So hatten wir das Riesenglück, dass ich zusammen mit den Zwillingen nur einige Minuten fahren musste, bis wir dankbar und glücklich unseren Hund endlich wieder in unsere Arme schließen konnten. Unsere Jungs waren ebenfalls absolut erleichtert und haben - so hoffe ich es zumindest inständig –gelernt: Ab jetzt halten wir wirklich immer Haus- und Garagentür verschlossen! Und sollte doch noch einmal so etwas passieren, hoffe ich, dass es wieder so couragierte „Hundefinderinnen“ gibt.

Übrigens musste ich kurz vor dem (völlig verspäteten) Zubettbringen der Zwillinge noch feststellen, dass der Katheter von Korbis Insulinpumpe abgeknickt war – die Blutzuckerwerte waren weit über 300 angestiegen! Das bedeutete für mich einige nächtliche Stunden zusätzliches Diabetesmanagement, um neben den zahlreichen Geburtstagsvorbereitungen den Blutzucker wieder auf akzeptable Werte zu bringen.

Dieser Septembertag hätte im Übrigen auch treffend „Tag des Suchens“ genannt werden können. Bereits in der ersten Schulstunde morgens um 8 Uhr war in meiner Latein-Klasse ein Schüler abgängig – laut seiner Mutter hatte er das Haus zur üblichen Uhrzeit verlassen, war aber nicht im Unterricht angekommen. Da er als sehr zuverlässig gilt, machten sich Mitschüler und ich immer mehr Sorgen. Zusammen begaben wir uns auf die Suche! Zu Beginn der zweiten Stunde erschien der Vermisste völlig verschwitzt im Klassenzimmer: Sein Bus sei einfach nicht gefahren, weshalb er die gesamte Strecke zu Fuß zurücklegen musste. Zu meiner Sprechstunde in der dritten Stunde kam schließlich schnellen Schrittes eine Schülermutter geeilt, die im Schulhaus auf dem Weg zu mir ihren Mann verloren hatte und partout nicht ohne diesen das Elterngespräch beginnen wollte. So fanden wir einige Minuten später schließlich einen Mann, gemütlich in der Aula schlendernd, der sich gerade beim Pausenverkauf eine Leberkassemmel gekauft hatte, um „die Zeit sinnvoll zu nutzen“, wie er mir im anschließenden Gespräch gestand…

Die dringend nötige Nachtruhe wurde im Übrigen noch durch zwei Unterzucker bei Korbi unterbrochen. Alles andere als ausgeschlafen startete ich in den nächsten Tag, an dem ich nicht nur ganz normal unterrichtete, sondern auch den Kindergeburtstag mit zehn sehr aktiven sechsjährigen Jungs auszurichten hatte.

Glücklicherweise war uns das Wetter hold: Wir konnten die Kinder die ganze Zeit im Freien mit Schatzsuche, Spielen und Essen beschäftigen, so dass wir, zusammen mit Nora, die ich keine einzige Minute aus dem Blick ließ, eine gute Zeit verbrachten. (Dorothea Fading)