Berichte

Wie wir zu einem weiteren Familienmitglied kamen

Kleine Hunde-Dame Nora © Dorothea Fading

Gassi-gehen mit Nora © Dorothea Fading

Dorothea Fading mit dem jüngsten Familienmitglied © Dorothea Fading

„Mama, Papa“, rief Vinzenz am frühen Morgen aus seinem Zimmer. „Wir brauchen unbedingt einen Schleckhund.“

Die Nacht war nervenaufreibend, da die Insulinpumpe seines Zwillingsbruders Korbinian immer wieder Alarm geschlagen hatte. Einmal wegen Unterzucker, zwei Stunden später, um zu melden, dass sich die Basalrate wieder angeschaltet hat und eine gute Stunde später piepste es zu allem Überfluss schon wieder! Auf dem Insulinpumpendisplay stand: „Pumpenbatterie schwach.“ Während Korbi stets seelenruhig weiter schläft, wird der arme Vinzi durch die Alarmtöne ständig aus dem Schlaf gerissen und schleppt sich dann immer noch aus dem Bett, um Bernhard oder mir Bescheid zu sagen.

Schon seit längerem liebäugelten wir deshalb mit einem Hund, dem man z.B. das Öffnen von Türen beibringen kann. Zugleich hatte sich Franzi bereits das ganze letzte Jahr nichts sehnlicheres als einen Hund gewünscht. Auf ihrem Wunschzettel stand dieser Wunsch an oberster Stelle, aber ich scheute den großen Arbeitsaufwand, den so ein Hund zwangsläufig bedeutet, zu sehr und konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie ich dies auch noch in meinem mehr als gut gefüllten Tagesablauf integrieren sollte.

Hund ja - aber welche Rasse passt?

Nun, in der allgemeinen Corona-Depression, wurde der Wunsch nach einem Hund bei den Kindern nochmals deutlich größer. Wir begaben uns auf die Suche. Ich war ganz fasziniert von der Rasse „Lagotto“, welcher ein italienischer Trüffelsuchhund ist (was ja gut zum Erschnuppern von Korbis Unterzuckerungen passen würde…). Tatsächlich hatten wir bereits einige Züchter (sogar in Italien) wegen Welpen kontaktiert, aber alle Hundebabies waren schon seit Monaten vergeben. Mit einer Lagotto-Züchterin allerdings kam ich länger ins Gespräch. Sie gab mir zu bedenken, dass diese Rasse zwar wirklich ganz toll sei, die Hunde aber so intelligent seien, dass sie ständig beschäftigt werden müssten. Zudem würden sie ausgesprochen gerne jagen und ins Wasser gehen.

Auf die Frage, welche Rasse denn dann für uns geeigneter sei, erwähnte sie spontan als erste mehrere (nicht überzüchtete) Retriever-Rassen. Da ich Golden Retriever nicht besonders mag, war ich zunächst von dieser Empfehlung nicht besonders angetan. Als aber Franzi die ersten Bilder und Filmchen eines Welpenwurfes mit Flat Coated Retrievern sah, war sie ganz begeistert. „Oh, Mama, schau mal, wie süß die sind!“ Und tatsächlich war es sehr goldig anzusehen, wie da braune, weiße und schwarze Retriever-Welpen durch die Gegend tapsten. Nur leider ließ sich kein einziger Züchter im süddeutschen Raum ausfindig machen. Und Österreich kam in Corona-Zeiten ja leider auch nicht in Frage… Hatten wir davor noch eine Zucht in Hamburg entdeckt, erschien uns die Anzeige in Sachsen-Anhalt tatsächlich nur einen Katzensprung entfernt.

Und so rief Bernhard am Freitagabend bei besagter Züchterin an. Diese kam gerade vom Tierarzt, bei dem sie für alle sechs Welpen (zwei Hündinnen, vier Rüden) die Abschlussuntersuchung hatte machen lassen. Und wirklich – es war noch eine Hündin frei. Und so entschieden wir uns tatsächlich – völlig spontan – gleich am nächsten Tag am frühen Morgen die Fahrt von immerhin 430 Kilometer in ein Dorf in Sachsen-Anhalt nahe der thüringischen Grenze auf uns zu nehmen.

Korbi und Franzi sprangen in Freudentänzen durch unser Wohnzimmer, ich konnte in der Nacht kaum schlafen aus Sorge, dass wir am nächsten Tag etwas Wichtiges vergessen könnten oder die versprochene Hündin dann plötzlich doch schon verkauft wäre. Aber auch die Furcht, dass ich mich da völlig übernommen habe (denn der Großteil wird absolut an mir hängen bleiben) belastete mich.

Glücklicherweise verlief die Fahrt ausgesprochen gut. Hier kamen uns natürlich auch die deutlich leereren Autobahnen zugute. Wir fuhren quer durch Bayern und Thüringen. Gegen 14 Uhr erreichten wir schließlich das kleine Dörfchen in Sachsen-Anhalt. Nachdem wir von der Autobahn abgefahren waren, stellten die letzten 40 Minuten kilometermäßig überhaupt keine große Entfernung dar. Allerdings kamen wir nur sehr langsam voran, aufgrund der engen, kurvigen Straßen und der vielen Passagen mit Kopfsteinpflaster.

Endlich angekommen, klingelten wir bei besagter Adresse, ein älterer, völlig unscheinbarer Hof: einmal, zweimal, aber es öffnete keiner! Wie gewünscht hätten wir der Züchterin sehr gerne 30 Minuten vor unserer geplanten Ankunft Bescheid gegeben, aber auch beim vierten Anrufversuch hatte keiner abgehoben. „Nicht, dass jetzt doch schon alle Welpen vergeben sind oder wir einem völlig unseriösen Angebot anheimgefallen sind“, schoss es mir durch den Kopf.

Da wir in dem Ort auch keinen Handyempfang hatten, konnten wir nur warten, bis uns tatsächlich geöffnet wurde. Und da sprangen schon ein goldgelber und ein schwarzer Welpe im Garten herum. Die dazugehörige Mutter war ebenfalls zu bewundern, aber die beiden Welpen waren Rüden! Wo war unsere versprochene Hündin? Da war ich sehr erleichtert, als die Züchterin kurz in einen Anbau ging, um sie zu holen. Sie hatte diese extra in einen Anbau getan, damit nicht noch ein an Rüden interessierter Käufer plötzlich auf den Geschmack der Hündin kommen könnte…

Nach Erledigung der Formalitäten machten wir uns mit unserem jüngsten Familienmitglied auf den Weg zurück. Die Fahrt ging erstaunlich gut. Meine Sorge, dass ihr schlecht werden könnte oder sie ihre Geschäfte im Auto verrichten müsste, erwies sich glücklicherweise als unbegründet. Dafür war es zu Hause umso stressiger. Wir konnten sie keine Minute aus dem Auge lassen, da sie wirklich nur Unfug im Kopf hatte. Als ich weit nach 22 Uhr alle Kinder ins Bett gebracht und noch einen großen Stapel zu korrigierender Arbeitsblätter vor mir liegen hatte, pieselte Nora erst einmal ausgiebig vor mein Bücherregal.

Ich rotierte den ganzen Abend zwischen Nora, meinen Korrekturen und Korbi, der so tiefe Werte hatte, dass er stets in den Unterzucker zu rutschen drohte, hin und her. Ohne auch nur die Hälfte der nötigen Aufgaben geschafft zu haben, ging ich ziemlich erschöpft deutlich nach 1 Uhr nachts ins Bett.

Tag 2:
Da ich noch weit nach Mitternacht mit Nora so lange „spazierengestanden“ war, bis sie endlich geruhte, ihre Geschäfte auf der Wiese zu erledigen, hielt sie auch tatsächlich ohne ein einziges Malheur bis zum nächsten Morgen durch. Ich hatte tatsächlich schon vergessen bzw. verdrängt, wie anstrengend und mühsam die ersten Wochen mit einem so kleinen Welpen sein können.

Unsere Stella mussten wir einmal kurz zum Gassigehen rufen, schon kam sie angesprungen. Nora war meist überhaupt nicht zu einem Spaziergang bereit – schon gar nicht angeleint). An der Leine setzte sie sich dann sofort hin und war erst wieder bereit aufzustehen, wenn ich sie ableinte. Dann allerdings lief sie in den meisten Fällen in die falsche Richtung, nämlich wieder schnurstracks nach Hause. So dauerte eine Gassirunde, für die wir mit Stella knappe zehn Minuten brauchten, eine gute Stunde mit der kleinen Nora. Besonders ärgerlich war es, als ich ausgiebig mit ihr unterwegs war, obwohl sich meine Arbeit zuhause stapelte, und sie danach nichts Besseres zu tun hatte, als ihr Geschäft direkt auf meinem Französischbuch zu erledigen. Ich hob sie selbstverständlich sofort weg und rannte mit ihr wieder ins Freie, wo ich eine geschlagene Dreiviertelstunde warten musste, bis sie endlich ihr Geschäft verrichtete.

Mein Arbeiten für die Schule musste offenbar ausschließlich in den Abend- bzw. Nachtstunden stattfinden, verlief der Vormittag leider auch schon ausgesprochen unproduktiv. Nachdem ich mit den Jungs und Nora ganz brav zu meinen Füßen und immer wieder unterbrochen durch das Erklären englischer Grammatik für Franzi zwei Runden „Spiel des Lebens“ gespielt hatte, musste ich gegen Mittag dann doch mal die Wäsche, die seit zwei Stunden gewaschen in der Maschine lag, draußen auf die Wäschespinne hängen - ein Unterfangen, das in normalerweise zehn Minuten erledigt ist. Im Beisein eines süßen, kleinen Hundewelpens, der jede Minute durch Nachbars Zaun ausbüxen will, in dessen Garten er im Pool ertrinken könnte, zog sich das Wäscheaufhängen allerdings leider über eine Stunde hin. Nachbars Zaun besteht nur aus drei gespannten Stahlseilen mit großem Abstand dazwischen – durchschlüpfen also ganz einfach möglich. Ich hing einen Socken mit der Wäscheklammer auf, rannte wieder Nora hinterher, hob sie von Nachbars Zaun weg, wusch mir die Hände, hing wieder ein Kleidungsstück auf, rannte zu Nora….- und mühte mich dazwischen noch mit den technischen Raffinessen einer davor noch nie angefertigten Audioaufnahme für eine von Franzis Englischaufgaben ab, die wir in die Schul-Cloud hochladen sollten. Nach gut einer Stunde war die Wäsche aufgehängt, die Datei hochgeladen, Nora gefühlt 100 mal vom Zaun weggehoben – und dann kam der Regen, Wäscheaufhängaktion umsonst.

Tag 3:
Leider hielt Nora nach wie vor überhaupt nichts vom An-der-Leine gehen, wir mussten oft minutenlang an einer Stelle verweilen, bis sie überhaupt geruhte, die ersten Meter zu gehen. Oft wurde es den Zwillingen in dieser Zeit berechtigterweise langweilig, so dass ich Nora dann bis zur ersten Wiese trug. Dort lief sie dann meistens sehr munter, allerdings gehorchte sie logischerweise noch in keiner Weise und auch die Erziehung mit Leckerlis konnte nicht den gewünschten Erfolg bringen, da sie alle drei bis dahin gekauften Sorten nicht mochte. Beim Nachmittagsspaziergang trafen wir eine offensichtlich sehr hundekundige Frau, welche sofort Nora der richtigen Rasse zuordnete, von Nora ganz begeistert war und meinte, dass sie schon wirklich ausgesprochen souverän wirke. In der Erwartung, dass Nora auch in Bezug auf eine hohe Gelehrigkeit dem Lehrbuch entspricht, hoffe ich, dass es in einigen Wochen/Monaten mit Nora schon deutlich entspannter werden wird und die Kinder glücklich mit ihr aufwachsen können. (Dorothea Fading)