Berichte

BARCAMP - was ist denn das???

Drei der Teilnehmerinnen der Schwabacher Typ-1-SHG, v.li.n.re.: Verena, Ulrike und Elke © Kirchheim-Verlag | Stephan Benz

Verena Hädrich, Stellv. Vorstandsvorsitzende, mit Kristian Senn, Geschäftsführer des Kirchheim-Verlags © Kirchheim-Verlag | Stephan Benz

Kristian Senn, Geschäftsführer des Kirchheim Verlags, fragte bei einem Treffen: Wollt ihr in Bayern nicht auch mal ein BARCAMP für eure Diabetiker veranstalten? Ein WAS??? Aber irgendwie auch sofort ein JA in meinen Augen.

Neues ausprobieren ist immer ok, aber da muss ich auch erst einmal wissen, was das genau ist. Was macht man dann heute zuerst? Internetrecherche – und der erste Eindruck: Das sind alles nur junge Freaks. Dann kam im Juli per Mail die Einladung zum Typ-1-Diabetes-BARCAMP 45+ - genau meine Zielgruppe. Kalender gecheckt – passt! Das muss ich mir unbedingt anschauen! Alleine? Elke gefragt - sie kommt mit. Also buchten wir sofort unsere Tickets fürs BARCAMP – und die Zugtickets für diesen Tag: Oh Graus, das hieß sehr früh aufstehen!!!

Die bange Frage bis dahin: Ist das wirklich was für uns? Wir suchen ja auch immer nach neuen Angeboten für unsere jetzigen und zukünftigen Mitglieder in Bayern!

In Frankfurt erwartete uns erstmal ein Cappuccino – super nach der langen Bahnfahrt, in der wir einen Teil des fehlenden Nachtschlafes nachgeholt hatten. Und dann? Nach einem Vortrag über das richtige Suchen von guten Seiten und seriösen Infos zum Thema Gesundheit im Internet ging es erst richtig los: Bitte schreibt auf, welche Themen euch auf den Nägeln brennen! (Zur Erklärung: Bei einem BARCAMP gibt’s kein vorgegebenes Programm oder Themen – das alles liefern die Teilnehmer.) Erst ging es schleppend los, niemand traute sich zunächst, aber dann sprudelten die Themen, die 45+-Typ-1-Diabetikern auf der Seele brennen. Alles wurde gesammelt und die Räume aufgeteilt. Jeder konnte sich seinen favorisierten Workshops anschließen.

Ein großes Thema war: „Wie geht es im Krankenhaus, und vor allem im Alter, mit mir und meinem Diabetes weiter? Wie geht das mit der Pumpe - wer kennt sich aus? Die Dinger sind für alte Leute oder Pflegekräfte zu kompliziert und zu klein. Können wir an die Industrie Ansprüche stellen? Wie kann man wo was verändern, wie kommt man an die Politik heran, z.B. bezüglich der Veränderung der Ausbildung der Pflegekräfte, speziell der Fachkräfte in der Altenpflege? Denn aktuell werden ältere Typ-1er häufig wie Typ-2er behandelt.

Auch die Selbsthilfe war ein großes Thema: Wo finde ich eine Gruppe, denn ich möchte mich nicht nur mit Leuten austauschen, die ich gar nicht leibhaftig sehe, bzw. nur ein Bild - für mich sind facebook und Co. einfach zu unpersönlich! Dort gibt es zwar viele Fragen und auch Antworten, die aber teilweise einfach nur hingeblubbert sind und oft jeder Grundlage entbehren, denn man ist ja anonym. Aber - wo sind sie denn, die Mitdiabetiker im Alltag, im wahren Leben? Mir tut es gut, wenn ich Leute kennenlerne, denen es ähnlich geht. So war die Freude groß, dass noch zwei andere aus unserer SHG Schwabach spontan zum BARCAMP gefahren sind. Toll, zu viert aus unserer Gruppe! Nach einem ereignisreichen Tag ging es abends zu dritt mit dem Zug nach Hause – dabei wurde natürlich noch ausgiebig über die angesprochenen Themen diskutiert: „Wie wär‘s zum Beispiel im Alter mit einer Typ-1er-WG – da kann man sich gegenseitig unterstützen? Usw.“

Eine Frau meinte, sie habe einen eigenen Verein gegründet und helfe ja schon ganz vielen Diabetikern, Kindern und älteren Menschen, aber sie werde in der Öffentlichkeit nicht gehört. Sie versuche es bei allen Veranstaltungen der Krankenkassen oder der Politik, sie schreie rein und blitzt ab ... Auf meine Frage, ob sie sich dem Selbsthilfeverband in ihrem Bundesland angeschlossen hat, meinte sie: „Das sollen die machen, ich schließe mich nicht an.“ Genau das zeigt unser Dilemma: Ganz viele Diabetiker sind nicht so organisiert, dass man miteinander schlagkräftig agieren kann. Schaut euch mal die Organisationen anderer chronischer Krankheiten an! Aber: Diabetes tut halt nicht weh, noch kann man ihn sehen, das Herz funktioniert oft noch länger, unser Leben ist nicht akut bedroht. Wir strengen uns halt auch an, dass es gut für uns weiter geht.

Es gab noch viele andere Workshop-Themen. Am Ende versammelte man sich noch einmal in großer Runde. Wünsche, Anregungen, Erkenntnisse der einzelnen Gesprächs- und Diskussionsrunden wurden kurz vorgestellt, so das jeder möglichst viel von diesem Tag mitnehmen konnte. Wer weiter einsteigen möchte, findet Fotos und Dokumentationen bei www.blood-sugar-lounge.de.

Teilgenommen haben 60 Typ-1-Diabetiker im Alter von 45 bis 80 Jahren mit unterschiedlich langen „Diabetes-Karrieren“, von „Frischlingen“ bis zu langjährigen Betroffenen, mit unterschiedlichsten Therapien. Jeder hat seine ganz persönliche, individuelle „Diabetes-Geschichte“ und jeder geht anders mit dem Diabetes um. Im Wesentlichen haben wir alle ähnliche Anliegen, Sorgen und Nöte – und jeder war froh, sich einmal über Diabetes austauschen zu können, ohne sich ständig erklären zu müssen.

Mein Resümee: Wir alle müssen uns organisieren, der einzelne kommt alleine nicht weiter. Nur wenn wir uns alle zusammen auf den Weg machen, können acht Millionen Diabetiker etwas erreichen. Egal, ob Typ 1 oder 2 oder andere Diabetes-Formen, und auch wenn man keine Vereine mehr mag: Alleine kämpfen hilft nichts, der Einzelne stellt keine Masse dar, die Wirkung zeigen kann!

BARCAMP - 2019 auch in Bayern

Wir, der Vorstand des Diabetikerbundes Bayern, haben uns schon entschlossen: Wir organisieren im Jahr 2019 ein BARCAMP in Bayern. Es ist ein neuer Weg, Betroffene zusammenzubringen, damit sie sich auszutauschen können. Alle tragen ihre Ideen dazu bei, nur zuhören ist auch in Ordnung!

Kennt jemand geeignete Örtlichkeiten? Anregungen sind immer willkommen! (Verena Hädrich)