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„Ausgebremst – Diabetiker, Opfer der Gesundheitspolitik?“

„Wir müssen das Thema Diabetes oben auf die politische Agenda und in die Mitte der Gesellschaft rücken“: Deutscher Diabetiker Bund und Politiker diskutieren in Essen

Die zunehmende Ökonomisierung der Gesundheitspolitik, das Thema Hypoglykämie (Unterzuckerung) und das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) waren Themen der politischen Podiumsdiskussion „Ausgebremst – Diabetiker, Opfer der Gesundheitspolitik?“, die innerhalb der „diabetestour“ im Congress Center Essen (Grugahalle) stattfand. Die Runde war vom Deutschen Diabetiker Bund (DDB) organisiert worden. Insgesamt kamen 2.300 Besucher zur diabetestour. Die Tour ist ein Projekt des Mainzer Kirchheim-Verlages („Diabetes-Journal“) und des HCC (Hannover) in Kooperation mit dem DDB.

 Der Bundesvorsitzende des DDB, Dieter Möhler, forderte die Politik unter anderem dazu auf mehr Innovation zuzulassen. „Ohne Innovationen wird der Patient zum Opfer, wenn es um die sozialen Ansprüche von Diabetikern geht, die für Gesunde selbstverständlich sind.“ Ferner sprach sich Möhler dafür aus, die  zweckmäßige Vergleichstherapie am medizinischen Stand der Wissenschaft auszurichten, bemängelte, dass sich die Versorgungssituation für Diabetiker in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht verbessert hat und stellte in Essen klar: „Diabetiker sind nicht dick, faul und gefräßig. Sie haben an ihrer Krankheit nicht selbst schuld.“ Durch die derzeitige Sparpolitik sei vor allem die soziale Teilhabe von Menschen mit Diabetes in Gefahr. Dagegen kämpfe der DDB. Zum Thema evidenzbasierte Medizin sagte Möhler: „Wir haben nicht den Eindruck, dass evidenzbasierte Medizin, so wie sie in Deutschland gelebt wird, so wie sie verwaltet wird, für Diabetiker Vorteile hat – sondern: Sie führt evident zu Nachteilen! Weil die evidenzbasierte Medizin, die ja international ausgerichtet sein soll, in Deutschland interessanterweise zu ganz anderen Ergebnissen hinsichtlich der gleichen Medikamente kommt.“

Anbei (in Kürze) einige Zitate jener Personen, die neben Möhler an der Podiumsdiskussion in Essen teilgenommen haben:

Helga Ebel (Gesundheitspolitische Sprecherin im „Landesvorstand DIE LINKE NRW“): Es wird vor allem falsch verteilt – im Gesundheitsbereich gibt es meiner Meinung nach gigantische Verschwendungen. Das Wichtigste ist  für uns die Solidarität. Es sollten nur Medikamente zugunsten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden können, die strengen wissenschaftlichen Kriterien standhalten: In Deutschland gibt es über 60.000 Medikamente, in Holland hingegen nur 2.000.“

Dr. Janosch Dahmen (Mitglied im „Landesvorstand Bündnis 90/Die Grünen NRW): „Ich glaube schon, dass Prävention Aufgabe von den Krankenkassen sein sollte. Wir müssen die Prävention zu unserer Aufgabe machen, wenn wir über Gesundheitspolitik reden und sie nicht erst als Sekundär-Prävention ansetzen, wenn die Krankheit schon aufgetreten ist. Dabei müssen wir in den Dialog mit der Wissenschaft treten und mit präzisen Daten arbeiten.“ 

Thomas Kufen (CDU-Landtagsabgeordneter/Vorsitzender der CDU-Fraktion im Rat der Stadt Essen): „Die Prävention muss viel breiter angesetzt werden. Hier auf dem Podium gibt es einen Schulterschluss mit Patienten und Angehörigen dahingehend, dass das Thema Diabetes weiter oben auf die politische Agenda und in die Mitte unserer Gesellschaft rücken muss.“

 Susanne Schneider (FDP-Landtagsabgeordnete/Gesundheitspolitische Sprecherin für die NRW-FDP-Mitglied im Bezirksvorstand Westfalen Süd): „Die FDP setzt grundsätzlich auf die Eigenverantwortung des Menschen. Gerade Diabetes erfordert viel eigenverantwortliches Handeln; wer zum Beispiel mit dem Auto fährt, sollte immer  genügend Kohlenhydrate mit dabei haben.“ 

 Prof. Dr. Karsten Müssig (Leiter des Klinischen Studienzentrums und der Arbeitsgruppe Ernährung am DDZ/Oberarzt in der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf): „Prävention muss möglichst früh, also schon im Kindesalter anfangen. Beim Typ-2-Diabetes sind Bewegung und ausgewogene Ernährung wesentliche Bestandteile der Therapie. Damit kann es dem Patienten gelingen, Medikamente zu vermeiden.“

Prof. Dr. Markus Masin: (Universitätsklinik Münster/Ernährungsmedizin, Diabetologie und Endokrinologie): „Prävention ist der Schlüssel zur Vermeidung von Krankheiten. Seit 15 Jahren streiten wir über Prävention – aber ich sehe sie nicht. Das müssen wir dringend ändern.“ (dK)

veröffentlicht am 10. Juni 2013

Der Vorsitzende des Deutschen Diabetiker Bundes Dieter Möhler (links) und Essens 3. Bürgermeister Rolf Fliß bei der Eröffnung der „diabetestour“.