Typ 1 Diabetes – hoffnungsvolle Zukunft?
Dr. med. Gerhard-W. Schmeisl, Chefarzt der Deegenbergklinik Bad Kissingen, hielt anlässlich des 20-jährigen Gruppenjubiläums der Typ 1 SHG Schwabach einen Vortrag zum Typ 1 Diabetes.
Gleich zu Beginn stellte Dr. Schmeisl zwei wegweisende Studien vor: Die berühmte DCCT Studie, die 1998 in Barcelona veröffentlicht wurde, und deren aktuelle Folgestudie EDIC, in der die damaligen Patienten bis heute nachbeobachtet wurden. Die Ergebnisse sind eindeutig: Je früher und je besser ein Typ 1 Diabetiker eingestellt ist, desto weniger bekommt er Schäden an den kleinen Blutgefäßen (Netzhaut, Nerven und Nieren), aber auch die Rate von Herzinfarkt und Schlaganfall sowie Amputationen lässt sich senken. Denn die Folgeschäden bei Diabetes – nicht nur Typ 2 - sind nach wie vor dramatisch: Herzinfarkte, Schlaganfälle, Dialyse, Erblindungen und Amputationen beeinträchtigen die Lebensqualität der Diabetiker extrem. 40.000 Amputationen bei Diabetikern pro Jahr sollten jeden Politiker und alle Patienten aufhorchen lassen - die meisten davon sind zudem auch noch überflüssig!
Nach einem kurzen Schwenk in die Vergangenheit zu wichtigen Eckdaten, wie 1922 Entdeckung des Insulins, 1980 erste Insulinpumpen, 1985 erste Pens in Deutschland, sowie 1996 erstes „Kunstinsulin“ (Analoginsulin) folgte ein Blick in die Gegenwart zu aktuellen Möglichkeiten der Insulingabe mittels Pen und Insulinpumpen und der Möglichkeit der kontinuierlichen Blutzuckermessung über mehrere Tage hinweg mittels eines speziellen Sensors. Dr. Schmeisl zeigte aber auch, dass schon zahlreiche, vermeintlich sinnvolle Entwicklungen, z.B. die „Ulmer Zuckeruhr“, nicht auf den Markt kamen, weil die Technik zu anfällig und ungenau und die (Entwicklungs-)Kosten finanziell nicht tragbar waren.
Eine Heilung des Diabetes im klassischen Sinn ist bis heute nicht möglich, aber es wird intensiv daran gearbeitet. Gegenwärtig kann man die Bauchspeicheldrüse zusammen mit einer Niere zu verpflanzen, vor allem bei bereits niereninsuffizienten Patienten, die dann allerdings lebenslänglich Medikamente zur Verhinderung einer Organabstoßung einnehmen müssen mit allen entsprechenden Folgen.
Aktuell, aber immer noch experimentell, ist die Verpflanzung von Inselzellen, die direkt in die Pfortader der Leber eingespritzt werden und sofort beginnen, Insulin herzustellen. Allerdings ist auch diese Form der Therapie keine Heilung, da beim Typ 1 Diabetiker das Immunsystem nach wie vor dafür sorgt, dass Stück für Stück auch diese fremden, eingepflanzten Inselzellen zerstört werden, was bedeutet, dass nach Monaten oder Jahren erneut entweder transplantiert oder mit Insulin behandelt werden muss.
Der vielversprechendste Forschungsansatz scheint die gentechnische Herstellung von insulinproduzierenden Zellen aus embryonalen oder adulten (erwachsenen) Stammzellen zu sein, die dann möglicherweise auch nicht mehr vom eigenen Immunsystem angegriffen werden. Gegenwärtig stecken aber alle Versuche noch im Experimentalstadium. Weltweit sind jedoch zahlreiche Labors eingerichtet worden, die miteinander kooperieren, um der Heilung des Typ 1 Diabetes näher zu kommen. Dr. Schmeisl macht Hoffnung, dass dies in den nächsten 20 bis 30 Jahren gelingen kann.
Rein technische Lösungen wie das Closed -loop-System hat es in Ansätzen schon zahlreich gegeben, sie scheitern bisher jedoch im Alltag aufgrund technischer Probleme. Mit der Gentechnik ist nach Meinung von Dr. Schmeisl das Ziel einer Heilung am ehesten zu erreichen. Bis dahin sollte man allerdings die aktuellen Möglichkeiten voll ausschöpfen, da man sonst möglicherweise nicht mehr in den Genuss dieser Möglichkeiten kommt. Konsequente Einstellung des Blutzuckers, kombiniert mit einer vernünftigen Lebensführung sind hier die wichtigen Eckpfeiler.
Christiane Schmeisl

