Berichte aus dem kontakt

Sieben Viertausender in einer Saison Langzeitdiabetiker Karl-Heinz Rasch unterwegs in den Alpen

Mein ambitioniertes, bergsportliches Interesse lockte mich, seit 38 Jahren Typ-1-Diabetiker, zu neuen Abenteuern. Anfangs plante ich nur, zusammen mit dem Alpenverein Weiler an Ostern mit den Skiern in das Monte Rosa Gebiet zu gehen - doch es kam unerwartet ein Angebot meines Bergfreundes Karl dazwischen.

 

Er lud mich zuvor zur Hochtour auf das Aletschhorn ein. Morgens kamen wir in Mörel (Schweiz) an und fuhren mit der Bahn bis zur Moosalm auf ca. 2200 m ü. NN hoch. Von hier aus sahen wir den Aletschgletscher - größter Gletscher der Westalpen mit einer Länge von 23,1 km und einer Fläche von 86,6 m². Wir fuhren mit den Skiern nordseitig auf sehr welligem Bruchharsch bis zum Gletscher ab. Hier verpassten wir die Route und mussten, gesichert am Seil und mit Pickel und Steigeisen bestückt, durch Gletscherspalten den richtigen Weg suchen. Bald war die Route wieder gefunden und wir liefen mit Skiern und dem 15 kg schweren Rucksack drei Stunden mehrere Kilometer fortwährend auf dem Gletscher hoch bis zur Biwakhütte auf 3000 m ü. NN. Es herrschten frühlingshafte Temperaturen.

 

Mit dem mitgebrachten Kocher brachten wir Unmengen Schnee für Tee und ein Aufgussgericht zum Kochen. In dieser Höhe muss man die zwei- bis dreifache Zeit einplanen, bis das Wasser kocht! Um der Höhenkrankheit vorzubeugen, ist eine hohe Flüssigkeitszufuhr dringend erforderlich. Nach der Stärkung richteten wir den kompletten Rucksack für den nächsten Tag. Mein Blutzucker (BZ) bewegte sich zwischen 50 und 70 mg/dl. Mein Lantus® reduzierte ich auf die Hälfte - dies deckt bei 6–12-stündigem Gehen die stündlichen Sport-BEs ab. Mein Humalog® reduzierte ich auf 30–40 % der sonst üblichen Menge.

 

Um 3 Uhr in der Nacht standen die 13 weiteren Gipfelstürmer und wir auf, um uns auf engstem Raum mit Hilfe unserer Stirnlampen anzuziehen. Bei einem BZ von 95 mg/dl gab ich 1 IE Insulin ab und aß einen 2-BE-Riegel. Bei minus 5  C liefen wir am Anfang der Lichterkette mit den Skiern auf gefrorenem Schnee zwei Stunden steil empor. Die Atmung und der schnelle Puls zeigten uns deutlich, dass wir uns um die 4000 m Höhe bewegten. Nachdem wir die Skier am Skidepot sicher deponiert hatten, kamen die Steigeisen und der Pickel zum Einsatz. In der Morgendämmerung galt es noch 30 m Blankeis zu überwinden. Dabei halfen zwei Eisschrauben und das Seil als gegenseitige Absicherung bei einem möglichen Ausrutscher oder Absturz. Um 8:15 Uhr konnten wir uns nach dem Sonnenaufgang auf dem 4195 m hohen Gipfel die Hand schütteln und den Ausblick auf viele der weiteren Viertausender des Wallis genießen. Wir seilten uns zwei Seillängen ab, liefen noch 60 Minuten zurück zu den Skiern und fuhren mit ihnen zum Biwak ab. Nach Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme und einer BZ-Korrektur von 3 IE bei 252 mg/dl, fuhren wir im schnell aufweichendem Firn bis zum Gletscher ab und stiegen zwei Stunden zur Piste wieder auf. Um 15 Uhr beim Auto angekommen hatten wir in den letzten 30 Stunden 2400 Höhenmeter (Hm) bergauf und 2700 Hm bergab mit Skiern und zu Fuß in 17 Stunden Gehzeit zurückgelegt.

 

Am Karfreitag fuhr ich mit dem Alpenverein Weiler und weiteren vier Männern und vier Frauen im Alter von 17 bis 56 Jahren nach Alagna. Von der Mantofa Hütte stiegen wir am nächsten Tag bei Nebel auf die St. Vincent Pyramide und nach Aufklaren des Himmels weiter auf das Balmenhorn und auf die Ludwigshöhe, alle deutlich über 4000 m hoch. Am Ostersonntag begleitete uns die Sonne bis auf die Margeritha Hütte auf der Signalkuppe - der vierthöchste Berg der Alpen mit der höchstgelegenen Hütte (auf 4550 m Höhe). Es fing an zu schneien – innerhalb von zwei Stunden fielen 20 cm Neuschnee. Zwei junge Männer unserer Gruppe litten an starken Kopfschmerzen und Übelkeit, die medikamentös und mit viel Flüssigkeit gemildert werden konnten. Mittels Pulsoxymeter maßen wir unseren Ruhepuls, meist über 100 Schläge/min, und die Sauerstoffsättigung unseres Blutes und verglichen sie mit den Werten der Regelskalen. In dieser Höhe war unser Schlaf sehr oberflächlich, begleitet von ständigen Unterbrechungen und meist Kopfdruck/Kopfschmerzen und flauem Magen. Am Ostermontag wurden wir mit einer Skiabfahrt über 2500 Hm in 20 cm Pulverschnee und bei strahlendem Sonnenschein belohnt.

 

Mitte August durfte ich mit den Tourenführern Gise und Viktor und mit Birgit die Bernina-Überschreitung gehen, von Pontresina in drei Stunden zur Tschierva-Hütte, nach kurzem Frühstück um 3 Uhr morgens über Geröll und Gletscher bis zur Gratkletterei. Wir mussten mit Steigeisen am kurzen Seil die Kletterei bis III. Grades bei viel losem Gestein bis zum Biancograt bewältigen. Der Firngrat fällt beidseitig fast 1000 m ab – ein Stolperer kann das Leben kosten! Bei der 9-stündigen Bernina-Überschreitung bis zur Marco Rosa Hütte nutzte ich zweimal die Möglichkeit, meinen BZ zu messen, um diesen nicht unter 70 mg/dl abfallen zu lassen.

 

Kaum daheim, unternahm ich, wieder mit Karl, die Besteigung der Königsspitze (3851 m) und am Tag darauf die Ortler-Besteigung über den Hintergrat (höchster Berg Südtirols mit 3905 m) mit Abstieg über die Payerhütte (Normalweg).

 

Eigentlich hatte ich für dieses Jahr mit den Hochtouren schon abgeschlossen, wäre da nicht wieder Karl mit dem bergsteigerisch anspruchsvollsten Viertausender der Berner Alpen, dem Schreckhorn (4078 m), gewesen. Am 10. September waren die Bedingungen zum Besteigen wieder gut. Wir fuhren nach Grindelwald und stiegen in drei Stunden zur Schreckhornhütte auf. Wie schon gewohnt, starteten wir und noch zwei weitere Zweier-Gruppen nachts mit Stirnlampen in die Finsternis. Nach zwei Stunden hatten wir 600 Hm zurückgelegt. Bevor wir auf den steilen Gletscher gingen, musste ich meine Hypo (37 mg/dl) mit Glukose-Gel beheben. Nach zehn Minuten waren wir mit Steigeisen, Seil und Pickel abmarschbereit, wohlgemerkt wieder völlig sicher und leistungsfähig. Es lagen noch eine Stunde Gletscherbegehung mit Blankeis-Stellen, 600 Hm Klettern im II-er und III-er Schwierigkeitsgrad vor uns. Alles ging gut und wir erreichten um 8:15 Uhr als erste Gruppe den Gipfel. Das Abseilen lief etwas zäher, aber der Abstieg auf dem Gletscher und dem Geröll ging dann ordentlich und schnell. Bei angenehmen Temperaturen kamen wir nach 11,5 Stunden Gehzeit um 14:45 Uhr wieder in der Hütte an. Die letzten 30 Minuten dieses Abstiegs waren sehr anstrengend, aber ungefährlich – ursächlich wieder eine Hypo – 30 mg/dl. Mit Gel, Apfelkuchen, einem Teller Nudeln und einem Liter Tee mit Magnesium wurde alles wieder normalisiert und die Kohlenhydratspeicher aufgefüllt. Nach einer Stunde Ruhepause bewältigten wir noch drei Stunden Abstieg nach Grindelwald und vier Stunden Heimfahrt ins Allgäu.

 

Wer solche Touren oder andere sehr anspruchsvolle Herausforderungen als Diabetiker unternehmen möchte, kann nur mit guter Schulung, vielen praktischen Erfahrungen und enormem Ausdauer-Vermögen die hochgesteckten Ziele erreichen. Fehlt eine dieser Voraussetzungen, ist das Unternehmen zum Scheitern verurteilt. Selbstverständlich muss der Bergkamerad über die Schwachstellen des Diabetikers Bescheid wissen, Zeit zum Messen und Essen lassen und auch mal eine Tube Gel dem Begleiter mit starker Hypo eingeben können.

 

Viel Spaß und Erfolg bei Euren Touren!

Karl-Heinz Rasch

veröffentlicht am 20. Februar 2012

Mit der DAV-Gruppe auf der Ludwigshöhe.