Inklusion für alle
Die BRD hat die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert und sich damit verpflichtet, diesen völkerrechtlichen Vertrag umzusetzen und die Bedingungen für chronisch Kranke und behinderte Menschen zur vollen Teilhabe an der Gesellschaft zu schaffen.
Was hat dies mit Ihnen als Diabetiker zu tun? Sie sind chronisch krank. Viele von Ihnen und unsere an Diabetes erkrankten Kinder (und deren Eltern) haben schon Ausgrenzung und Ablehnung aufgrund des Diabetes erlebt. Viele Diabetiker verheimlichen ihre Erkrankung schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten, um keine beruflichen Nachteile zu erleiden. Deshalb ist diese UN-Konvention auch sehr wichtig für uns, auch wenn wir meist nicht von sichtbarer Behinderung betroffen sind!
Es muss für Kinder mit Diabetes selbstverständlich sein, mit Nachbarskindern in den örtlichen Kindergarten gehen zu dürfen und nicht wegen des Diabetes einen weiter entfernten Integrationskindergarten besuchen zu müssen. Dabei stellt die Inklusion von Kindern mit Diabetes in Kinderbetreuungseinrichtungen und Schule ganz sicher ein viel kleineres Problem dar als die Inklusion von Kindern mit etwa Down-Syndrom oder Autismus! Wichtig dabei ist aber auch, die Lehrer in Fort- und Ausbildung für diese neuen Herausforderungen zu rüsten und die Schulen personell besser auszustatten, damit jedes Kind die Förderung erhält, die es braucht. Inklusion in der Regelschule und Abbau von Förderschulen darf nicht heißen, dass die Bildungschancen für einzelne Schüler schlechter werden.
Dass Inklusion gelingen kann, zeigen Länder wie Schweden, wo es keine Einrichtungen für Behinderte gibt. Gesunde und behinderte/chronisch kranke Kinder gehen gemeinsam in die Schule, in die gleiche Klasse, werden individuell gefördert. Erwachsene leben in einer Wohnung unter den sogenannten „Gesunden“ und erhalten die individuell auf sie zugeschnittene persönliche Assistenz, die ihnen die Selbstständigkeit ermöglicht. Der Vollständigkeit halber: Es gibt auch hier in Bayern Montessori-Einrichtungen und Modell-Klassen, in denen die Inklusion schon Normalität ist – aber es sind noch viel zu wenige, um den Bedarf zu decken.
Ein schönes Ziel, meinen Sie nicht? Der Weg ist weit, wir müssen viel dafür tun! Deshalb haben wir uns engagiert, waren auf dem Tag der Behinderten im Landtag und beim Gleichstellungstag auf dem Münchner Marienplatz aktiv!
Schauen Sie sich mal in Ihrer Umgebung um: Kennen Sie viele Behinderte? Wie leben sie? Kommen sie zurecht? Ich bin jedes Mal sehr beeindruckt, wenn ich Blinde sehe, die sich sehr sicher im öffentlichen Raum/im Nahverkehr bewegen – sie ertasten sich ihre Welt mit dem Blindenstock und den Füßen - Bodenunebenheiten oder Markierungsstreifen werden zur Orientierung genutzt – auch über das Gehör nehmen sie viel mehr wahr! Uns Sehenden entgeht da vieles! Wir können von ihnen lernen und sollten diese Chance nutzen.
Um zu einer inklusiven Gesellschaft zu werden, müssen noch viele Mauern mit Vorurteilen und Berührungsängsten eingerissen werden. Bei den Kindern ist das einfach: Wenn sie von Anfang an gemeinsam aufwachsen, entwickeln sie erst gar keine Berührungsängste. Jeder Mensch hat Talente und Stärken, die für uns als Gesellschaft wichtig sind. Wir müssen aufeinander zu gehen und offen sein. Veränderung erzeugt immer Ängste, birgt aber auch viele Chancen.
Die Jungen und Gesunden – unser Idealbild – werden immer weniger. Die Gesellschaft altert und damit steigt auch die Anzahl der chronisch Kranken und Behinderten. Die Frage ist sowieso: Wie viele Gesunde gibt es, wenn man die strengen Maßstäbe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zugrunde legt: „Gesundheit ist der Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und seelischen Wohlbefindens, der sich nicht nur durch Abwesenheit von Krankheit oder Behinderung auszeichnet.“ Wer ist unter dieser Definition noch gesund? Nicht sehr viele!
Sicher ist es schwer, unsere heutigen Systeme mit Kindergärten, Integrationskindergärten, heilpädagogische Tagesstätten so zu verändern, dass alle Kinder zusammen aufwachsen können. Da müssen Richtlinien geändert werden – heilpädagogische Tagesstätten würden sich gerne für gesunde Kinder öffnen, dürfen aber nicht, denn wenn der Anteil der besonderen Kinder sinkt, werden die Finanzierungen gekürzt – verrückte, bürokratisierte Welt, in der nicht mehr der Mensch, sondern nur noch ein bürokratisches System, das viele kleine Schubladen verwaltet, aber nicht „ladenübergreifend“ denken und handeln kann, herrscht!
Setzen wir uns miteinander ein für eine inklusive Gesellschaft! Natürlich nicht alleine, sondern zusammen mit anderen Verbänden und Initiativen in der LAG Selbsthilfe Bayern!
Ihre
Marion Köstlmeier, DiabetesLotse DDB

