Berichte aus dem kontakt

Alles neu macht der Mai....

Ja- spätestens jetzt fällt uns allen wieder auf! Der Frühling ist da, die Natur erwacht und alles wird bunt! Vorbei ist die Zeit der kahlen Felder und lichten Wälder. Wer sich ein bisschen auskennt, ist schon eifrig am Sammeln und Genießen verschiedener Wildkräuter. Und jeder hat sein Lieblingsobst oder –gemüse, dessen Erntezeit gerade bei Selbsterzeugern heiß ersehnt wird. Bei dem einen ist es dies und bei dem anderen eben das – unsere Geschmäcker sind so verschieden wie wir. In der Natur freuen wir uns über die bunte Vielfalt – die immer weiter ausufernden Monokulturen sind uns ein Dorn im Auge!


Doch in anderen Lebensbereichen wird Vielfalt oft nicht so geschätzt – das merken Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen schnell.


Werdende Eltern tun alles, um ein gesundes Kind zu bekommen. Aber das heißt noch lange nicht, dass dieses Kind nie chronisch krank oder behindert sein wird! 83% der Behinderungen sind nicht angeboren, sondern im Laufe des Lebens erworben. Niemand von uns ist vor Behinderung – vorübergehend oder auf Dauer – sicher.


Ich z.B. hatte letztes Jahr für mehrere Wochen einen Gipsfuß – Neuland für mich und meine Familie, denn Fortbewegung auf zwei Beinen, Treppen usw. stellten bis dahin nie ein Problem dar! Mit zwei Krücken vorwärts zu kommen ist allein schon mühsam: keine bzw. nicht oder nur entgegengesetzt laufende Rolltreppen, kaputte oder wegen Wartung stillgelegte Aufzüge: das erschwert die Mobilität und damit Teilhabe ungemein! Ich bin unendlich dankbar, dass dies für mich nur eine relativ kurze Phase war. Aber diese Wochen haben mich noch aufmerksamer gemacht für die Umwelt, in der wir leben. Hier ging es um „bauliche Voraussetzungen“, die Menschen mit körperlichem Handicap, aber auch Eltern mit Kinderwägen, das Leben unnötig schwer machen – und, rechtzeitig daran gedacht, auch weitestgehend vermeidbar wären. Dafür steigt im Moment das Bewusstsein und es passiert viel.


Aus meiner Erfahrung heraus sind die Barrieren in unseren Köpfen noch viel größer und hartnäckiger. Sie wurden über Jahrzehnte aufgebaut - wir sind in der Regel ohne viel Kontakt zu Behinderung aufgewachsen, es sei denn, es gab sie im nächsten Umfeld. Und: Wo Behinderung/Krankheit nicht sichtbar war, wurde sie versteckt – wie viele Diabetiker haben ihre Erkrankung verheimlicht? Wie viele tun es heute noch?  Und das betrifft bei weitem nicht nur Diabetiker!


Dieses Zitat von Wolfgang Schäuble, aufgrund seiner erworbenen Querschnittslähmung auf einen Rollstuhl angewiesen, gefällt mir sehr gut:

Eigentlich sind alle Menschen behindert,
unser Vorteil ist:
Wir wissen es wenigstens!


Eltern von Kinder mit Diabetes haben Bauchweh vor der Anmeldung in Kindertageseinrichtungen oder Schulen, denn hier ist nicht sicher, ob sie ein offenes Ohr finden oder abgewiesen bzw. „mit dem Problem“ allein gelassen werden. Arbeitssuchende fragen sich oft: Soll ich es sagen? Offenheit wäre für alle Seiten besser, aber, und das haben auch schon viele erlebt: Nach Offenlegung kam oft Absage, natürlich ohne Berufung auf den Diabetes. Vor dem Hintergrund, dass fachlich kompetente Arbeitskräfte immer mehr zur Mangelware werden, hoffe ich, dass dies der Vergangenheit angehört, es sei denn, der Arbeitsplatz ist nun wirklich nicht geeignet.


Ja, es wäre gerade im Bereich Inklusion wirklich schön, wenn wir uns ein Beispiel an der Natur nehmen würden, die sich in jedem Frühjahr mit unglaublich viel Energie und Selbstverständlichkeit wieder auf den Weg macht, das Beste aus den aktuellen Gegebenheiten heraus zu holen – Natur gibt nicht auf! Sie fängt immer wieder neu an – das wünsche ich mir auch für uns.
So sollten auch wir mit neuem Anlauf und Motivation gemeinsam Barrieren abbauen und das Beste aus unseren Ressourcen machen, alte Barrieren abbauen und für uns alle neue, unkomplizierte und gut erreichbare Wege ebnen.


Ihre
Marion Köstlmeier

veröffentlicht am 04. Mai 2017